107
wahrend er auf seinem Sitze in der Kathedralkirche war, zu überreichen, wo der Selige es empfing, und als er heimgekommen in seine Wohnung, es ganz ruhig las und verachtete. Nie wollte er zugeben, daß sein Capitel diese Unverschämtheit bestrafe, und seitdem hat er diesem Menschen viel Gutes, außerordentliche Freundlichkeit und Ehren erwiesen, auf die jener keinen Anspruch zu machen hatte. Es war sein Grundsatz, den Nächsten zu tragen, so lange es nur immer möglich war, und er lehrte auch die Seinen so thun, indem er sagte, wenn man dabei etwas von seinem Eigenen auch verliere, ersetze es Gott wohl, und so dürfe man, was dem Nächsten zum Nachthcil ge-- reiche, wenn es die Noch erfordere, bloß nur in so weit aufdecken, als zur Sache unumgänglich nöthig sey.
Ein andermal sagte er: die Menschen müssen Geduld mit einander haben; die Tüchtigsten sind diejenigen, welche die Mängel Anderer am besten zu tragen wissen.
Nie rächte sich der Selige wegen dcS Unrechts, welches man ihm anthat; vielmehr ertrug und litt er alles mit unglaublicher Güte, und suchte die Herzen derjenigen zu gewinnen, die ohne Grund über ihn aufgebracht waren, wie es ihm in Paris mit einem gewißen Menschen gegangen, welcher Prediger der Irrgläubigen gewesen, und sich zum katholischen Glauben bekehrt hatte. Dieser griff den Seligen mit einer Anmaßung ohne Gleichen, und mit übermütigen Fragen unverschämt an, wie er mir selber gesagt

