Ohne sie ist man von Gott entfremdet, und gehöret nicht zu seinem Israel. Doch jede aufrichtig suchende Seele ist wie im Vorhofe des Tempelö, dem Tempel, da die wahren Anbeter sind, mehr oder we­niger nahe, je nachdem man dkm Zug der Gnade mit mehr oder weniger Treue folget, das Herz mehr oder weniger aufrichtig ist: und wer so in aufrichtigem Sinn suchet, und deö Betens und AnklopfenS nicht müde wird, der wird finden waö er suchet, und die Thür des Tempels wird ihm aufgethan werden, und er wird zu den wahren Anbetern hinein kommen.

Alles das aber ist doch nur erst ein anfangendes oder angefan-» genes Werk Gocteö. Der Mensch ist darum noch nicht, was er seyn solte, und waö die Gnade Gottes aus ihm machen wird, und will, wenn er sich von der Gnade leiten läßt. Seine Sünden sind ihm vergeben; aber die Wurzel des Bösen, die bittere Wurzel, die so gerne und so leicht wieder auöschlagt, steckt noch im Herzen verbor­gen. Sie ist noch im Leben, und jetzt muß auch sie in den Tod ge­bracht werden. Dazu ist ein tägliches Absterben, allen den sündlichen Lüsten abzusterben nörhig. Daö ist der Kampf deö Christen, für welchen er immerfort bewafnet seyn muß mit der ganzen Rüstung Gottes, Eph. 6, ii. rc. auf daß er so von Gnade zu Gnade fortschreite, immer wachse und zunehme, von einem Kind endlich zu einem voll­kommenen Mann werde in dem vollkommenen Alter Christi: bis er endlich durch abermalige und abermalige Gnadenauögüsse in seiner Seele immer mehr von aller Irrdischgesinntheit entwöhnet, und Gott immer völliger und völliger gewidmet, und ganz und gar ge- heiliget wird, daß er so sich selbsten abgestorben Gott allein lebe, seneö in Gott mit Christo verborgene Leben lebe, das der geheiligten Seele eigen ist, und wovon dies ein Merkmal zu seyn pfleget, daß eine solche Seele immer betend, sich ohne Aufhören in Gott erfreu­end, und so ferne von allem Murren oder Klagen entfernet ist, daß sie vielmehr Gott in allem und für alles danket, i Thess. 5, 16. 17. 18. indem sie in allen Dingen die Hand Gottes erblicket, den sie von ganzem Herzen, ganzer Seele und aus allen ihren Kräften liebet, so wie sie ihren Nächsten als ihre eigene Seele liebet.

Obwolen so das Gnadenwerk der Vollendung immer mehr und mehr nahet, so ist doch gar nicht daran zu denken, daß solches zu einer absoluten Vollkommenheit je in diesem Leben werde gebracht werden. Da ist immer noch ein tieferes Cinsinken in das uner­gründliche Liebesmeer möglich, ein grösseres WachSthum in der Gnade, nach welchem die immer nach Gott dürstende Seele sich seh­net, und so immer höher und näher zu Gott hinan steiget. Alle Vollkommenheit, welche die Seele je erreichet haben mag, ist nur verhältnißmaßig, und mag so heissen in Vergleich mit dem unvoll­kommenen Kinderzustand in dem sie sich befand, da sie zuerst durch den göttlichen Saamen des heiligen Geistes zu einer neuen Krearur wiedergeboren, umgeschaffen wurde.

Eine solche Seele mag immer noch mit Schwachheiten umgeben seyn, mit allerley leiblichen und geistlichen Mängeln vor der Welt wie verunstaltet aussehen. Gott decket die Hütte die er sich zur