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Umstände nothgedrungen, sich gegen ihn der Waffen zu bedienen, um nicht auch in Ungarn die christliche Religion der augenscheinlichsten Gefahr preis zu geben. Auch war Gyulas Niederlage bald entschieden, und ge­fangen wurde er nebst seiner Gattin und zwei Söhnen nach Ungarn gebracht. Auf der Abbildung sehen wir die Aufnahme der unglücklichen, durch Gyulas sträfliche Verirrungen gesunkenen Familie bei Stephan. Wohl musste ihr dieses Erscheinen vor dem Sieger schmerz­lich sein, doch milderte Stephans freundliche Zuvorkom­menheit den Schmerz, wie sein Benehmen überhaupt hinlänglich zeigt, dass es ihm blos darum zu thun war, die Ausführung seiner heilsamen Pläne zu sichern. Er sorgte für die Familie Gyulas; nahm sich der Erziehung seiner zwei Söhne Bua und Bukna an, und gab ihnen im Lande eine ausgezeichnete Stellung; nur ihn selbst konnte er wegen seiner leidenschaftlichen Feindschaft gegen das Christenthum nicht wieder nach Siebenbür- gen lassen. Doch ward ihm in Ungarn mit aller Ehre begegnet.

Während dieser Begebenheit veränderte sich auch das Verhältniss Siebenbürgens zu Ungarn, und durch engere Bande wurden beide Länder an einander geknüpft. EinVajwode erhielt die Verwaltung Siebenbürgens. Vom ungarischen Könige ernannt und abhängig, gehörte er zu den ersten Würdenträgern des Reichs. In Siebenbür- gisch-Weissenburg (Alba Julia, heute Carlsburg) errich­tete Stephan ein Bisthum. Die zwei Schwesterländer aber gestalteten sich zu einem Staatskörper, dessen innige Verschmelzung erst die Folgen des Mohácséi- Bluttages traurigen Andenkens im XVI. Jahrhunderte wieder zu lösen vermochten.

Wir haben Stephan bisher als einen ausgezeichneten Fürsten im Frieden kennen gelernt. Aber nicht minder gross zeigte er sich auch im Kriege, wo es sich um Ver- theidigung der Rechte und Würde seines Reiches han­

delte. So erfocht er einen glänzenden Sieg gegen den Pacinazitenfürsten Kean, welcher nach Gefangenneh- mung seines Bundesgenossen Gyula in die südöstlichen Theile des Reiches eingefallen war; so wurde Ach- thum, Besitzer der Csanáder Gegend, der Stephan den Gehorsam versagte, mit Waffengewalt besiegt und fiel in der Schlacht; so behauptete Stephan auch gegen den deutschen Kaiser Konrad II. die Würde Ungarns, als dieser nach dem Tode Kaiser Heinrichs II. Ungarn mit Krieg überzog.

Schön war der Erfolg, womit die vielseitigen heilsa­men Bestrebungen Stephans des Heiligen gekrönt wur­den. Die christliche Religion und mildere europäische Sitten wurden allmälig heimisch; die früheren wilden Aufbrausungen des Volksgeistes wurden von Tag zu Tag seltener; statt dessen hoben sich Landbau und Handwerke; die Neigung der Ungarn wurde nach und nach den Wissenschaften und Künsten zugewendet: mit einem Worte, das ungarische Reich begann in seinen inneren und äusseren Verhältnissen immer mehr zu blühen. Während der schweren Regierungssorgen war die Erziehung seines einzigen Sohnes Emerich eine der liebsten Beschäftigungen Stephans. Unter dem wachsa­men Auge seines Vaters, und der sorgsamen Leitung seines frommen und gelehrten Erziehers Gerhard, hatte derselbe bereits das 21. Jahr erreicht, und der alte kränkliche Stephan war gesonnen, ihm die Regierung des Reichs zu übergeben. Bevor dies jedoch geschah, starb der hoffnungsvolle ausgezeichnete Jüngling zur tiefsten Trauer seines Vaters 1032.

Dieser Schlag traf den siechen alten König um so schwerer,da er bei dennoch übrigen Prinzen des arpadi- schen Hauses diejenigen Eigenschaften zu vermissen meinte, welche doch zur Regierung des mit so vieler Sorgfalt gepflegten jungen ungarischen Reichs nothwen- dig waren. Es waren dies die Söhne seiner Onkel Mi­

chael und Ladislaus, deren erster einen, Namens Basil oder Vazul, der andere aber zwei, Andreas und Bela, hinterlassen hatte. Und auf diesen Umstand baute seine sich am ungarischen Hofe aufhaltende Schwester Gisela, Gattin des aus Venedig vertriebenen Dogen Otto Urseol, ihre Pläne, mit Beseitigung der männlichen Abkömm­linge Arpads ihren eigenen Sohn Peter auf den ungari­schen Thron zu erheben. Es gelang ihr besonders unter den Höflingen viele für sich zu gewinnen; ja sie wusste durch Intriguen selbst Stephan dahin zu bewegen, dass er in der Hoffnung, in Peters italienischer Bildung für die Förderung des Christenthums und der europäischen Cultur in Ungarn eine Stütze zu finden, ihn zu seinem Nachfolger bestimmte. Aber bei den fremden Sitten Peters, bei der von ihm offen zur Schau getragenen Verachtung des einfachen ungarischen Wesens, erregte diese Wahl das Missvergnügen, ja selbst die Unzufrie­denheit Vieler, so dass sogar gegen Stephan sich eine Verschwörung bildete. Es genügte wohl das blosse per­sönliche Ansehen des Königs, diese zu vernichten, da jedoch die Feinde der arpadischen Prinzen sie derTheil- nahme daran verdächtigten, hatte die Sache für sie üble Folgen. Andreas und Bela waren noch glücklich, sich durch Flucht retten zu können, und anfangs in Böhmen, dann in Polen eine Zuflucht zu finden. Aber der un­glückliche Vazul wurde trotz der Gnade, welche ihm von Stephan zu Theil geworden war, auf Befehl Giselas im Kerker grässlich verstümmelt; damit er ihrem Peter bei Erreichung der Krone nicht hinderlich sei.

Nach diesen Begebenheiten lebte Stephan nicht mehr lange, denn am 15. August 1038, also an demsel­ben Tage, an welchem er vor 38 Jahren gekrönt worden war, betrauerten die Ungarn das Hinscheiden ihres er­sten apostolischen Königs. Fünf und vierzig Jahre spä­ter (1083) wurde er nebst seinem Sohne Emerich vom Papste Gregor VII. heilig gesprochen.