Liebe deinen Nächſten. Du ſollſt deinen Nächſten lieben, als dich ſelbſt. Matth. 19, 19.

Unſer Heiland predigte oft über die Sittengeſetze. Viele ſeiner Reden und welche Reden dürften ſich mit den ſeinigen vergleichen enthalten gar nicht das, was man gewöhnlich das Evangelium nennt. Unſer Heiland predigte nicht jedes mal, wenn er aufſtund zu lehren, über die Lehre von der Gnadenwahl, oder von der Verſöhnung, oder von der Berufung, oder von der Bewährung. Nein, er ſprach eben ſo oft über die Pflichten des täglichen Lebens, und über die köſtlichen Früchte des Geiſtes, welche die Gnade Gottes in uns wirkt. Beachtet wohl, was ich euch eben ſagte. Ihr mögt wohl zuerſt darüber erſtaunt ſein, aber bei fleißigem Leſen der vier Evangeliſten werdet ihr finden, daß ich recht habe, wenn ich behaupte, daß der Heiland viele Zeit darauf verwendete, den Leuten zu ſagen, wie ſie ſich gegen einander zu verhalten hätten; und viele ſeiner Predigten ſind nicht gerade das, was die ſcharfen Kritiker unſrer Zeit ſalbungsvolle Reden zu nennen pflegen; denn gewiß ſind ſie nichts weniger als nach dem Geſchmack jener krankhaft empfindelnden Chriſten, die ſich um den Theil der Religion, der in's tägliche Leben eingreift, nicht zu kümmern pflegen. Geliebte, es iſt ebenſo gut Pflicht des Dieners Gottes, die Pflichten der Menſchen zu verkündigen, als das Verſöhnopfer Chriſti zu predigen; und es ſei denn, daß er die Menſchen ihre Pflichten lehre, ſo wird er nie Gottes Segen erfahren, daß er die Menſchen zur Erkenntniß der Herrlichkeit der Erlöſung führe. Wenn er nicht von Zeit zu Zeit den Donner des Geſetzes erſchallen läßt, und für ſeinen Herrn Gehorſam gegen