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Namenstag, und weil wir doch heute Abend noch frisches Futter für die Ziegen brauchen, so steigen wir auf die Rosenalm hinauf
und suchen Alpenrosen, um dem guten Bater für morgen einen Kranz daraus zu flechten."
„O da will ich auch mit!" sagte Bebi mit flehendem Tone.
„Kind, das kann nicht sein!" antwortete die Mutter.
„Warum denn nicht?" fragte Bebi in weinerlichem Tone. „Ich will gewiß recht frischweg gehen und niemals Hinsitzen!"
„Es kaun nicht sein, Bebi!" fuhr die Mutter fort. „Fürs Erste haben wir eine ganze Stunde aufwärts zu steigen. Das ist zu
viel für dich! Und dann gibt es auch droben in den Fclsenbcrgen und Schluchten Bären, Wölfe und Luchse, und gefährliche
Lämmergeier, vor denen man kleine Mädchen'bcsonders hüten muß."
„Lämmergeier?" fragte Bebi. „Was sind denn das für Thiere?"
„Das sind die größten Raubvögcl, die es in unsern Tyroleralpcn und in den Schweizeralpen drüben gibt. So ein
ungeheurer Vogel ist viel größer und länger als du und wenn er die Flügel ausspannt, hätte er kaum Platz in unserem Stäbchen.
Unten an der Kehle hat er einen haarigen Bart, sein langer dicker krummer Schnabel sieht fleischfarben aus und Krallen hat er, so stark und so dick, daß er damit Schafe und Ziegen packen und durch die Luft davontragen kann!"
„Ich habe aber doch noch nie einen solchen Vogel gesehen!" unterbrach Bebi.
„Danke dem lieben Gott dafür, Kind!" fuhr die Mutter fort, „das wäre ein Unglück für dich gewesen! Diese Geier horsten zwar nur auf den höchsten Felsenspitzen, wo sie weiße braungefleckte Eier legen und Junge brüten; aber diese schwarzbraunen Räuber kommen auch herab in die Thäler, denn sie jagen den Lämmern, Ziegen, Gemsen, Rehen, Hasen und Murmelthieren nach, stürzen sich schnell aus der Höhe herab, packen ihr Opfer mit ihren Krallen, tragen es hinauf in, die Luft, lassen eö dann auf die Felsen herabstürzen, damit es zerschmettert wird, und fressen es dann auf."
„Aber, liebe Mutter," wendete Bebi ein, „ich bin ja keine Gemse, kein Lamm!"
„Das bist du freilich nicht," antwortete die Mutter, „aber diese Lämmergeier jagen auch den Kindern und kleinen Mädchen nach, wenn sie nichts Anderes bekommen können. Als ich noch ein kleines Mädchen war, wie du, erzählte mir mein Großvater eine schauerliche
Geschichte. Höre mir zu, Bebi! — Es waren einmal zu meines Großvaters Zeiten zwei arme Leute, die oft hinausgingen und Gras
auf den Bergen einsammelten. Dazu nahmen sie auch einmal ihr Kind mit, so ein kleines Mädchen, wie du. Als das Kind schläfrig wurde, legte es die Mutter in weiches Gras, deckte ihm das Gcsichtchcn mit ihrem Strohhute zu, und ging mit dem Vater weiter, um Gras zu sammeln. Als sie aber nach einer halben Stunde an denselben Platz zurückkehrten, Herr Gott! da war das Kind fort. In entsetzlichem Schrecken und Jammer, unter Wehklagen und Weinen, rannten sie nun durch alle Schluchten und auf alle Höhen und suchten ihr Verlornes Kind. Aber ach, sie fanden es nirgends. Glücklicherweise kehrte gerade in dieser Zeit ein Bauer auf einem wilden Pfade

