Von diesem Tage an schien das Schloß nur von fröhlichen Geistern bewohnt. Lachend, singend und springend zog die zehnjäh­rige Marie durch die hohen Zimmer und Gange des alterlhümlichen Gebäudes. Vor jedem Bilde, selbst vor den ehrwürdigen, ernst herabblickendcn Ahnherrn, der ihr sonst immer einiges Grauen ein­gejagt, blieb sie jetzt plaudernd stehen, nachdem sie den lebenden Bewohnern des Hauses und der nächsten Umgebung wenigstens zum zwanzigsten Mal die mit rother Dinte auf der Landcharte bezeichnete Reiseroute bis Frankfurt erklärt hatte; während ihr ein Jahr älterer Bruder Carl jede freie Minute benutzte alte, in der Schloßbibliothek aufgefundene Legenden, Sagen und Chroniken der Rheinburgen zu studiren, Balladen auswendig zu lernen und sich auf alle möglich denkbaren Abentheuer vorzubereiten. Nur Theodor genoß sein Glück im Stillen, fest entschlossen des Vaters Vertrauen, daß er sich durch die Reiseaussicht nicht stören und zerstreuen lassen werde, zu recht­fertigen, und Sinn und Gedanken einzig und allein auf die ihm zu Ostern bevorstehende Konfirmation gerichtet. Acht Tage darauf hatte der Freiherr die Abreise festgesetzt. Vorher riefen ihn wichtige Ge­schäfte nach drei in ländlicher Abgeschiedenheit zugebrachten Jahren in die Residenz, und Herrn Möller, dem sorgsamen Lehrer der Jugend, dem theilnehmcnden Freund der Familie, ward unterdessen die Alleinherrschaft im Schloß übertragen, nachdem er mit der größten Bereitwilligkeit des Freiherr» Antrag, seine noch übrigen Candida- tenjahre bei ihm zuzubringen, ihn auf der vorhabenden Reise zu be­gleiten und den Unterricht mit den Kindern so viel wie möglich fort­zusetzen, angenommen hatte.

Der kurze Zwischenraum von Neujahr bis Ostern wurde nun angewendet, besonders den beiden jüngsten Kindern, eine Uebersicht und genauere Kenntniß der zunächst zu bereisenden Lander zu geben; und so wenig Sinn sie auch in ihrer jetzigen freudigen Aufregung