309 Bewohner Europa's. Die Montenegriner.

erklärt, und sie werden aufgefordert, ihre Seligkeit nicht durch Lügen zu verlieren.

Am Ende der Aussöhnung treten beide Parteien einander gegenüber, und ein, der Angelegenheit fremder, Richter führt die einzelnen Personen der verschiedenen Parteien so zusammen, um sich gegenseitig zu küssen, daß ein Unruhiger eine» Unruhigen, ein Sanftmüthiger einen Sanftmüthigen küssen muß. Dabei nimmt der Richter aus dem Gürtel eines jeden eine Pistole oder einenHandschar, legt sämmtliche Waffen auf einen Hansen, und gibt sie den Eigenthümern erst zurück, wenn die Parteien die Gerichts­kosten bezahlen. Hiebei erhalten beide Theile einen geschriebenen Aussöh­nungsvertrag, an welchem die Hälfte eines Para's, mit einem Faden an­gehängt wird, und die der Bladika zu bekräftigen pflegt.

Die Aussöhnung zwischen Familien und einzelnen Menschen ist schwie­riger, als das Uebereinkommen von ganzen Gemeinden. Wenn Gemeinden sich zu versöhnen bemüht sind, saßt man mehr das Interesse des Ganzen, als die Wohlfahrt des Einzelnen in's Auge, und berücksichtigt Mörder und Rächer weniger, weil es sich hier nicht um die Befriedigung der Leiden­schaften des Einzelnen, sondern um das Wohl und Wehe Vieler handelt. Bei Familien und zwischen Einzelnen ist die Aussöhnung darum um so schwieriger, weil der Ehrenpunkt dabei in's Spiel kommt, und die Leiden­schaften des einen gegen den andern vorwaltende Bestimmungsgründe sind. Wenn auch der Preis für einen Kopf festgesetzt und bekannt ist, ist's oft doch schwer, den einen Theil zu bewegen, das Aussöhnungsgeld anzuneh­men. Ein Vermittelnder hat oft Jahre lang das Sühngeld in Händen, ohne im Stande zu sein, den Beleidigten zur Annahme zu bewegen, weil dieser unerschütterlich darauf beharrt, daß des Vaters oder des Bruders Kopf ihm für Geld nicht feil sei. Aus Bosheit kommt es zuweilen vor, daß die Beleidigten von den Beleidigern zur Sühne Gegenstände verlan­gen, welche diese unmöglich geben können. Im Falle der Aussöhnung pflegt der Beleidigte von dem Beleidiger zu Gevatter gebeten zu werden, um ihn zur Aussöhnung geneigter zu machen, und zum verbündeten Freunde zu gewinnen. Zuweilen gehen Dutzende von Weibern täglich mit den klei­nen Wiegenkindern zum Beleidigten, und suchen ihn im Namen Gottes und des heiligen Johannes zum Frieden zu stimmen und zur Aussöhnung zu bewegen. Wenn die Aussöhnung zu Stande kommt, muß der Todt- schläger, mit der Mordwaffe um den Hals, knieend vor dem Beleidigten erscheinen, und um Gottes und des heiligen Johannes willen, Verzeihung von ihm zu erflehen. Dann hebt der Beleidigte ihn auf, nimmt die Mord-