Bewohner Eurvpa'S. Die Montenegriner. 32 l

unumschränkt willkürlich verfahre; denn wenn eine Frau ihrem Manne entlaufen ist, und zu ihrer Familie zurückkehrt, oder gar mit einem andern Manne zieht, oder wenn ein Mann sein Weib verstößt, so genügt dieß vollkommen, daß beide Familien herausfordernd und rächend gegen einander auftreten. Eine starke Familie hat natürlich auch hier wieder den Vorzug, und,sie darf es leichter wagen, eheliche Bande zu zerstören, als eine schwache Familie. Geschieht die Trennung durch das Gericht, so muß der Mann für die Scheidung, je nachdem die Richter es erachten, an die Frau bezah­len. Früher gewöhnlich kam es vor, jetzt geschieht es nur selten, daß der Mann ein Stück von einem Kleide des geschiedenen Weibes abschneidet, z. B. vom Gürtel oder von der Schürze. Diese Förmlichkeit geschieht erst dann vor dem Richter, wenn die streitigen Punkte bereinigt sind; doch kommt es auch vor, daß der erzürnte Mann dieses in seiner Wohnung thut, und die Frau dann sogleich wegjagt.

Die Weiber sind in Montenegro fast nichts anderes, als Sklavinnen. Sie müssen außer ihrer weiblichen Arbeit den größten Theil der Feldgeschäfte besorgen, und mit schweren Lasten, die sie oft kaum zu tragen vermöge», Felsen und Gebirge hinauf- und Hinuntersteigen, während der Mann mit der Tabackspfeife im Munde und die Flinte auf der Schulter, leer nebenher geht. Die Frau muß sich noch für glücklich halten, die einen Mann be­kam, der sie nicht ohne alle Ursache, bloß nach seine» Einfällen durch­walkt.

Es ist unschicklich und wird als ein Zeichen von Schamlosigkeit betrach­tet, wenn junge Eheleute in Gegenwart anderer Personen mit einander sprechen. Die Frau redet ihren Mann mit Er an, und darf ihn nicht beim Namen nennen. Männer reden ihre Frauen mitSie" an, obgleich sie zuweilen auch den Namen nennen. Die Montenegrinerinnen arbeiten während ihrer Hvffnungszeit wie gewöhnlich, und wenn dieselbe vorüber ist, thun sie, als ob nichts vorgefallen wäre.

Die Kinder säugt man zwei bis drei Jahre, gewöhnlich drei Jahre bis in's vierte; läßt man sich von der Kirche Erlaubniß geben, was manche Ältern thun, so werden die Kinder auch fünf bis sechs Jahre gesäugt.

Krankheiten.

Wissenschaftlich gebildete Ärzte gibt es ebenso wenig in Montenegro, als manche, moderne europäische Krankheiten dort bekannt sind. Mehre Personen aber verstehen sich vortrefflich darauf, Verwundungen und Kno­chenbrüche zu heilen. Im Winter ist das Nervenfieber, welches hier P o- K. F. N. Hoffmann's Völkerkunde. ». 21