Bewohner Enropa's. Die Morlackcn. 335
sich maßloser Freude im Essen und Trinken überlassen. Was aber den Ge- brauch der Gegenstände betrifft, welche den Mvrlacken wider das Ungestüm der Jahreszeiten schützen sollen, so ist er darin sehr haushälterisch, sogar mit Aufopferung seiner Bequemlichkeit. Hat er z. B. eine neue Mütze auf, und es fängt an, zu regnen, so nimmt er lieber die Mühe ab, und wird selber naß, ehe er sie durch den Regen verderben ließe. Sind seine Schuhe noch gut, und er kommt an eine Pfütze, so zieht er sie aus, damit sie nicht schmutzig werden.
In Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten und die Mvrlacken überaus pünktlich. Hat jemand z. B. Geld geliehen, und ist nicht im Stande, es zur bestimmten Zeit zurückzugeben, bringt er ein kleines Geschenk, und bittet noch um eine längere Frist.
Aus der Freundschaft haben die Mvrlacken fast einen Religionspunkt gemacht, indem sie Freundschaftsbande vor dem Altare knüpfen. Hier spricht man einen eigenen Segen feierlich über Freunde und Freundinnen. Freunde, welche sich auf diese Art mit einander verwinden, nennen sich Probatimi, und die Freundinnen Pvsestrime, was so viel als Halb- brüder und Halbschwestern bezeichnet. Früher mag die Freundschaft zwischen Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes mit großer Feierlichkeit geschloffen worden sein, jetzt machen beide Geschlechter dieß einfacher. Bei solchen Freundschaften der Mvrlacken erheischt die Pflicht, sich in jeder Gefahr und jedem Bedrängnis; beizustehen, das dem Freunde geschehene Unrecht zu rächen, und willig das Leben für einander zu wagen, oder hinzugeben. Fälle dieser Art kommen nicht selten vor. Sollten sich Proba« timi entzweien, so würde die ganze Gegend von einer solchen unangenehmen Neuigkeit sprechen.
Ebenso, wie die Freundschaft dauernd und heilig ist, ist auch die Feindschaft unauslöschlich, erbt vom Vater auf den Sohn, und, wie auch in vielen andern Ländern, mahnt die Mutter die Söhne unaufhörlich, den Vater zu rächen, wenn er von jemand erschlagen worden. Des getödteten Vaters blutiges Kleid und seine Waffen zeigt die Mutter den Kindern täglich, und so erwachsen diese mit dem Wunsche, den Vorstellungen und Ermahnungen der Mutter einst nachzukommen. Die Rachbegierde erwächst mit ihnen, und da sie so tief gewurzelt, wird sie schwerlich auszurotten und zu vertilgen seyn. So dienstfertig und gutmüthig die Mvrlacken von Natur sind, so dankbar sie sich für die kleinste Gefälligkeit beweisen, ebenso sehr rächen sie jede Beschimpfung. Bei ihnen machen Rache und Gerechtigkeit einen Begriff aus, und eines ihrer Sprüchwörter heißt: wer sich nicht rächt,

