Bewohner Europa's. Die Morlacken. 337
wäre, als die Stücke, an welche er bisher gewöhnt ist, würde der arme Mann dadurch in die größte Verwirrung gerathen.
In Hinsicht auf Religion haben die Morlacken, sowohl diejenigen, welche sich zur römischen, als die, welche sich zur griechischen Kirche bekennen, die seltsamsten Begriffe. Sie glauben an Hexen, Kobolde, Zauberer, Gespenster und Wahrsager so sest, daß sie sich durchaus nicht davon abbringen lassen, und so sicher, als wenn sie dieß alles schon tausendmal gesehen hätten. Das Dasein der Vampiren halten sie für unbestreitbar, und meinen, daß diese den Kindern das Blut aussaugen. Wenn jemand stirbt, von welchem sie glauben, daß er ein Vampir, oder, wie sie sich ausdrücken, Vukodlak werden könne, so durchschneiden sie ihm die Kniekehlen, stechen ihn überall mit Stecknadeln, und meinen, dadurch seine Wiederkehr zu verhindern. Mancher Morlacke bittet seine Erben, daß sie nach seinem Tode so gütig sein, und ihn als Vampir behandeln mögen, weil er voraussehe, daß er große Lust haben'würde, Kinderblut zu saugen.
Auch die beherztesten Männer würden in der Nacht davon laufen, wenn ihnen jemand, als Gespenst verkleidet, entgegenkäme: so fest gewurzelt ist der Aberglaube. Die alten Hexen der Morlacken sollen fremden Kühen dieMilch wegnehmen können, damit ihre eigenen Kühe milchreicher werden. Natürlich ist es, daß es in einem Lande, welches so reichlich mit Hexen und Gespenstern gesegnet ist, auch an Bannern nicht fehlen dürfe, und die Mönche pflegen dieses Geschäft gegen Erkenntlichkeit zu übernehmen.
Unter den Bekennern der griechischen und der römischen Kirche herrscht möglichst große Uneinigkeit, welche die Priester, anstatt sie zu hemmen, nach Kräften zu befördern suchen. Beide Parteien erschöpfen sich in Anekdoten, welche sie gegen einander erzählen.
Sitten nnd Gebräuche.
Manches, was man anderswo anstößig finden würde, gilt hier noch nicht dafür, besonders in den Örtern, welche entfernt vom Meere sind. Dort trifft man noch größere Sitteneinfalt, und mehr unbefangene Aufrichtigkeit. Wenn z. B. ein schönes mvrlackisches Mägdchen einem Manne aus ihrer Heimath auf der Landstraße begegnet, so küßt sie ihn ganz herzlich, ohne etwas Böses dabei zu denken. Wenn Frauen und Jungfrauen, Greise, Männer und Jünglinge bei Festtagen an den Kirchorten zusammentreffen, so küssen sie sich unter einander, und dem Zuschauer kommt es vor, als ob alle zu einer Familie gehörten.
K. F. V. Hoffmann's Völkerkunde. II. 22

