branntwein, unS muß bei jenen Völkerschaften den Wem ersehen, welchen ihnen der Koran verbietet. Man darf sich in Rußland seinen Branntwein nicht selbst bereiten, wenn man nicht so glücklich sein will, nach Sibirien geschickt zn werden. Diese glänzende Aussicht hält aber die gemeinen Leute nicht ab, allerlei Versuche zu machen, sich den geliebten Lebensbalsam zu verschaffen.

Daß der übermäßige Genuß so starken geistigen Getränkes die Trun­kenheit in Rußland als etwas ganz Gewöhnliches erscheinen läßt, ist natür­lich. Für einen Betrunkenen hat der gemeine Russe nicht nur Mitleiden, sondern sogar Achtung, und er leistet dem Leidenden, welchen er auf der Straße oder auf dem Wege berauscht liegend findet, hilfreiche Hand, und pflegt den bewußtlosen Menschen, als ob er ein Heiliger wäre, läßt ihn nicht in der Roth und in seinem jammervollen Zustande, sondern hilft ihm

430 Bewohner Europas. Die Russen.

Verhältnisse zu andern Gegenständen sehr theuer, weil die Regierung de» Verkauf dieses Getränkes als eine Haupt-Einnahmsquelle betrachtet. Dessen ungeachtet gibt der Russe für einen Schnapps die letzte Kopeke hin, ja er läßt sich, um dieses ihm theure Getränk zu erhalten, gern einige Ohrfeigen geben, oder etwas durchprügeln. Im größten Theile Rußlands wird der Branntwein aus Getraide gemacht; nur in den südlichen Theilen des euro­päischen Rußlandes bereitet man ihn aus Wein, und schickt ihn nordwärts, damit er im nördlichen Rußlande an Statt des Arracks zum Thee genom­men werde. Die hohen Klaffen genießen den Branntwein nur vor dem Essen, und behelfen sich außer dieser Zeit mit feinen Likören. Im Allge­meinen trinken aber die Russen weniger Branntwein, als die Pole». Das nördliche rauhe Klima entschuldigt den Gennß des Branntweins nicht nur, sondern macht ihn, so zu sagen, zum Bedürfnisse. Was in Deutschland viel Branntwein heißt, das ist dem Russen wenig, und selbst der Norddeutsche, welcher starke Schnappsgläser führt, kann es mit dem Russen nicht auf­nehmen. Der im ersten Theil erwähnte, aus Pferdemilch bereitete Brannt­wein der Tataren, Kumiß genannt, ist viel schädlicher, als der Korn-

nach seinen Kräften. Man findet es häufig, daß Leute den Betrunkenen in irgend eines der nächsten Häuser tragen, damit er daselbst seinen Rausch aus- schlafen, und am andern Tage, nachdem man ihm gut zu essen gegeben, und ihn beschenkt hat, weiter ziehen könne. Diese Seligkeit des Betrun­kenen wird vielleicht darum in Rußland so hoch gehalten, weil die gemeinen Leute wohl wissen, daß sie sich oft in solchem Zustande befanden, und wenn sie leben und gesund bleiben, noch oft in denselben kommen können. Bei ihnen gilt ein deutsches Lied so, daß sie sagen könnten: wer oftmals einen