Bewohner Europas. Die Russen. 445

Taufe.

Das neugeborene Kind des armen Russen wird, wenn es das Licht der Welt erblickt hat, auf den Schafpelz gelegt, den man in eine Mulde oder grosse hölzerne Schüssel thut, die an vier Stricken im Zimmer von der Decke herabhangt. Diese leicht bewegliche Wiege ist in der Nähe von der Ältern Lagerstätte, so daß die Mutter sie nur anzustoßen nöthig hat, damit sie pendelartig hin und her schwinge. Der Neugeborene liegt nackt in einiges alte Linnen oder grobes Tuch gehüllt, und wenn die Ältern etwas wohlhabender sind, wird er in Kattun eingewickelt.

Das Taufen geht bei den Russen wie bei den Katholiken schnell. Am zweiten Tage wird der neue Erdenbürger schon getauft; ja, wenn es mög­lich ist, sogar am ersten Tage. Der Pathe muß den Geistlichen bezahlen, ein kleines metallenes Kreuz anschaffen, Branntwein und Honigkuchen kaufen, damit die Gäste bei der Taufe sich erlaben können. Es ist Ehren­sache für den Pathen, den Branntwein in solchem Maße herbeizuschaffen, daß die Gesellschaft und die Wöchnerinn selbst sich berauschen. Je mehr Räusche es gibt, um so größer ist die Ehre des Pathen, der die Kosten allein zu tragen hat- Sind diese Kosten bcstritten, so hat der Pathe keine weiteren Verbindlichkeiten gegen den kleinen Erdenbürger oder dessen Ältern. Bei der Pathinn ist aber die Angelegenheit nicht so schnell abgemacht. Sie bringt einige Ellen Leincwand, ein Hemde und ein Häubchen. Hemd und Haube liegen mit dem Kreuze auf einem Kissen in der Nähe des Tauf­beckens; die Leinewand dagegen hat die Pathinn auf dem Arme, damit der Priester ihr das Kind darauf legen kann. Der Priester nimmt den Kopf des Täuflings in seine hohle Hand, drückt ihm mit zwei Fingern die Ohren, mit dem dritten Nase und Mund zu, und taucht ihn so in das Wasser ein, wenn es im Winter auch ganz kalt ist, daß die Neulinge auf Erden manchmal an diesem Bade sterben. Ist das Menschenkind so gebadet wor­den, so legt es der Priester auf die Leinewand der Pathinn in den Arm, welche es dem Pathen übergibt; dann geht man dreimal um das Taufbecken herum, und die Mitgehenden tragen brennende Lichter, während der Priester singt, und es mit der Haube und dem Hemde bekleidet, und ihm als Be­weis seiner Weihe das Kreuz anhängt. Wenn das Kind während dieses dreimaligen Umganges nicht schreit, und der Priester durch nichts zufällig Vorkommendes im Gesänge unterbrochen wird, so ist das ein gutes Zeichen. Darauf erhält die Hebamme das Kind, wird von der Pathinn beschenkt, darf aber den Täufling weder mit Wohlgefallen betrachten, noch loben, weil