4 1»0 Bewohner Europa's. Die Russen.
zu werden. Durch gute dichte Pelze wird der Körper des Reiseudeu hinlänglich geschützt, und durch sehr zweckmäßig gearbeitete Bastmatten weiß selbst der Bauer seinen Wagen zu einer kleinen Stube umzuformen, in welcher es sich, auch in der strengsten Kälte, recht gemächlich sitzt oder liegt. Wohlhabendere Leute aus dem Mittelstände haben gewöhnlich sehr große Schlitten, in welchen die ganze Familie von sechs bis acht Personen Platz hat, und die von eben so viel Pferden gezogen werden. Die Bewohner eines solchen fahrenden Hauses sind alle wohl eingepackt, meistens liegend über und unter dichten Pelzen, und von außen durch die erwähnten Bastmatten gut beschirmt, so daß sie nur wenig von den Unbilden der Witterung zu leiden haben, und sich in dem engen, durch sie selbst erwärmten Raume meistens recht wohl befinden.
Noch muß, wenn von der Strenge des Klima's die Rede ist, die auffallende Erscheinung erwähnt werden, daß die Kälte in Rußland gegen Osten immer zunimmt, und selbst in einem größeren Grade zunimmt, als wenn man eben so weit von Süden gen Norden geht. Moskau und Kasan z. B. liegen sehr nahe unter demselben Breitengrade, aber Kasan, daS etwa hundert deutsche Meilen östlicher liegt, ist viel, sehr viel kälter, als Moskau. Kasan liegt nahezu in derselben Entfernung von dem Äquator, als Kopenhagen oder Edinburg, aber wie ungemein verschieden ist das Klima dieser Städte! Petersburg liegt gegen fünf Grade nördlicher als Kasan, und doch ist das Klima von Petersburg, bei aller seiner Strenge, viel milder, als das der letzter» Stadt. In Kasan tritt der Winter mit der Mitte Oktobers ein, und dauert ununterbrochen fort bis zu Ende Aprils, und erst gegen das Ende des Mai's werden die Felder bestellt, während man in Drvntheim in Norwegen noch im November grüne Wiesen hat, und eines angenehmen Spazierganges im Freien genießen kann, vb- schon Drvntheim eine Breite von 64 Graden hat, also neun volle Grade nördlicher liegt, als Kasan.
Der Sommer in Rußland hat für den Nichtruffen nicht viel Angenehmes. Dazu kommt noch das Schlimme, daß die Übergänge von der großen Kälte zur starken Hitze so ungemein schnell erfolgen: Frühling und Herbst gibt es nicht. Wenn im nördlichen Rußlande die ganze Gegend unter Schnee begraben und von der Wintcrkälte erstarrt, todt da liegt, so wandelt das Wechseln des Windes die Szene, wie durch Zauberschlag, in wenigen Tagen ist der klafterhohe Schnee bis auf die letzte Spur geschmolzen,

