Sechstes Capitel.

Taube und Blinde.

Leicht ist es, einen kleinen Bach in seinem Laufe zu begleiten, die Wiesen, die er lustig macht, die Blumen, die er erblühen läßt, zu be­merken, ja dann noch ihn von einer Höhe zu verfolgen, wenn er schon Mühlen und andere Werke treibt, Kähne und Schiffe trägt, und ganze Landstriche bereichert. Doch wird er zum Strome, theilt er sich in viele Arme und umschlingt weite Strecken, dann ist die nähere Beobacht tung und kleinere Anschauung vorbei, und nur eine größere Uebersicht, eine andeutende Geschichte seines Lebens wird möglich. Aehnlich ist es mit einem Menschenleben, ähnlich mit dem unsers Konrad. ,Er hatte nun das schöne Ziel erreicht, er arbeitete mit dem ganzen Feuer seiner Seele, mit Erfolg und Segen in dem Wirkungskreise, für den er sich geschaffen fühlte, und für den er sich so treu ausgebildet. Ein liebliches Glück blühte ihm im Hause in der begeisterten Liebe, dem vollen Ver­ständniß seiner Frau und seiner lieben Muhme, von ihren beiden Kindern geehrt und gepflegt, verzogen, wie sie selbst sagte, war durch ihm ein Alter bereitet, das an Sorglosigkeit und freudigeni Genusse der Gegenwart sich der Kindheit an die Seite stellen konnte, und ihr an tiefer Befriedigung und seliger Hoffnung noch überlegen war.

Nur wenige Jahre blieb Konrad in dieser ersten Stelle, er ward an eine größere Realschule gerufen, die in der einzigen Universitätsstadt seines Vaterlandes sich befand, und rückte mit der Zeit an den Platz des Direktors derselben. Auch hierhin begleitete ihn Magdalene, sie sah noch, wie ihr Konrädchen, ihr Freudensohn, hochgeehrt von Alt und Jung. Arm und Reich, ein großer Schulmeister geworden war, und doch blieb er gegen sie ehrerbietig und dankbar wie in den Tagen seiner Kind­heit. Noch erlebte sie die Geburt einer Tochter, eines zarten, schönen

Aurora. 10

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