liebevoll dem Flüchtling, als Bestätigung ihrer Kindschaft im Hause, und sagte, sie sanft streichelnd, und auf eine Bank niederziehend: „Denke, Du seist bei Deiner Mutter und fangest ein neues Leben an. Setze Dich ein wenig zu mir, dann mußt Du Dich bald niederlegen, ich glaube Du bist sehr müde."
„Müde bin ich eigentlich nicht," flüsterte Adelaide aufblickend; „aber ich fühle mich so matt."
„Gieb uns eine passende Introduktion, liebste Angelika, und spiele den Psalni 23: der Herr ist mein Hirt! Laura und Magdalene, Erhard und Willibald singen."
Der unvergleichliche Psalm tönte in feierliche» Klängen aus den offnen Fenstern, aus jedem Tone sprach das selige Gottvertrauen einer gläubigen Seele, die sich geborgen weiß in ihres Hirten Schooß. Das junge Mädchen hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, sie saß wie verklärt da, ihre ganze Seele war in ihren Augen, aus denen zuweilen, ihr unbewußt, einzelne Thränen auf ihr Kleid herabfielen.
Regine wunderte sich, ftüher nicht bemerkt zu haben, wie regelmäßig die Züge des Mädchens, wie fein gezeichnet ihr Mund, wie schon geschwungen ihre Augenbrauen waren; selbst ihre geisterhafte Blässe, ihre abgezehrte Gestalt nahmen ihrer Erscheinung nichts von der Anziehungskraft, sie machten dieselbe nur rührender. So saß sie im Mondlichte da, wie eine Erscheinung auS einer andern Welt.
Die Hausmutter ließ schnell das Zimmer in Bereitschaft setzen, das Antonie bewohnt, und geleitete das bleiche, schwankende Kind dorthin. Dann ließ sie sich von ihrem Bruder den Hergang der Sache berichten, sprach ihre freudige Dankbarkeit nochmals aus, und fügte hinzu: „Ich glaube, es war die höchste Zeit; das armeKuid ist fieberhaft erregt; ich fürchte, sie wird schwer krank werden!" Der erfahrene Blick der Matrone hatte
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