"Hier," sagte Hilmar, „ist noch ein Entwurf aus der heiligen Geschichte. Vielleicht könnte man ihn kühn nennen; denn die Bibel sagt nichts davon; dennoch sollte ich denken, der hier ausgedrückte Gedanke wäre ihrem Geiste gemäß."
Das Bild, in großen freien Zügen entlvorfen, stellte einen göttlichen Jüngling vor, kaum dem Kindcsalter entwachsen. Ein kurzes, weißes Gewand umhüllt ihn. gescheiteltes Haar fallt in langen Locken auf seine Schultern, er liegt auf den Knieen und scheint zu beten, denn sein erhobenes Haupt, sein aufwärts gerichtetes Auge zeigen feine mit Gott redende Seele. Doch sind seine Hände nicht gcfalte», die Rechte erhebt er verlangend und herabrufend nach Oben, die Linke streckt er segnend über die Erde aus, ein Heller Schein umleuchtet ihn.
Alle schauten mit Liebe und Andacht die göttliche Gestalt an, doch ward kein Wort der Deutung laut; da sagte Adelheid mit sanfter, aber sicherer Betonung: „das muß der junge Jesus sein, wie er sich bewußt wird, er sei Christus."
,,Fa, Sie haben meinen Gedanken aufgefunden und verstanden," flüsterte Hilma", indem er sie mit Bewunderung und tiefer Neigung ansah.
DaS Interesse an dem schönen Bilde ward durch diese Erklärung noch erhöht, und Regine sagte: „ES giebt so Viele in unserm Jahrhundert. welche behaupten, die Zeit der biblischen Bilder sei vorüber, es sei theils schon Alles in diesem Fache gethan, theils mangle unS der Glaube, ohne den man solche Bilder nicht malen könne. Wohl mangelt uns der Glaube an die Heiligenlegendcn, und wir wenden unsere Augen von den Darstellungen der Mäetyrerqualen ab, doch bleibt noch ein un- ermeßliches Feld für den schaffenden, begeisterungsfähigen Künstler übrig, der mit gläubigem Herzen zwischen den Zeilen des Evangeliums zu lesen versteht. Ich glaube. Du wirst es lernen, mein Hilmar! Der
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