Die Tulpe brachte aber das Veilchen doch so weit, daß es einwilligte und die Reise mitmachte.
An einem schönen Frühlingsmorgen wurde aufgebrochen und nicht, wie es das Veilchen gewünscht, auf dem Fuß^kde fortgegangen, sondern mitten auf der Landstraße schritt bie Tulpe da- hin, damit ja alle, welche die Straße entgegenkamen, ihre Pracht und Schönheit sehn und bewundern möchten.
Nachdem sie eine Zeitlang gewandert waren, kamen sie in die Residenzstadt. Das Veilchen hätte sich hier gern im Stillen umgesehn; aber die Tulpe sprach: „Bin ich nicht eine Königin, warum soll ich nicht meines Gleichen besuchen?"
Schnurstracks gicng sie auf die königliche Residenz los, und weil man ihrem Äußern nach wirklich glaubte, daß sie königlichen Geblütes sei, wurde sie ohne wciters vorgelassen, während das Veilchen kaum beachtet wurde und nur auf Bitten der Tulpe Einlaß erhielt.
' Anfangs gicng der Tulpe alles gut, und sie hätte fast den Sieg davongetragen; bald aber wurde ihr innerer Unwert erkannt, und man wendete die Aufmerksamkeit, welche ihr geworden war, ihrer vermeintlichen Dienerin zu. Diese ließ sich aber > •
nicht irre machen und wurde trotz der Anerkennung, die ihr zu Theil wurde, weder unbescheiden noch stolz.
Der Tulpe gefiel es nun gar nicht mehr hier; und statt den Wert der kleinen Begleiterin anzuerkennen, wurde sie unwillig über das Beträgen ihrer Gastfreunde und wähnte, ihrer Schönheit in andern Kreisen mehr Geltung verschaffen zu können.
Sie zog mit dem Veilchen nun weiter und kam in eine große Handelsstadt. „Hier," dachte die Tulpe, „wirst du eine andre Aufnahme finden, als dort in der Residenz; die Handelswelt kennt die Stoffe, die weiß ein schönes Kleid zu würdigen; hier wirst du gerechtfertigt werden vor dem Veilchen."

