An Theodor.

Stein, mein Theodor, ich verkenne dich nicht. Der Kummer über den Mangel an höherer Gei­stesfähigkeit ist nicht bey dir, wie vielleicht bey andern, Folge eines ungezahmten Ehrgeitzes; er entspringt aus der innigen Liebe, womit du alle deine Brüder umfassest, aus dem Eifer, der Welt auf deinem Posten soviel möglich zu nützen und aus dem dabey rege gewordnen Gefühl, daß deine Kräfte oft hinter deinem Willen zurück bleiben. Wer dieses innern Zeugnisses sich be­wußt ist, der darf das Verkennen nicht fürchten, wenigstens wird cs ihm dann nie an Vertheidi- gern fehlen.

Hätte ich gewußt, so schriebst du mir, daß man, um Theolog zu seyn, einen so ungeheuer» Vorrath von Kenntnissen bedürfe, so vielerley Einsichten, Uebungen und Fertigkeiten sich ec- werben müsse und doch so selten sich erwerben könne: ich hätte den Gedanken, diesen Beruf zu wählen, den ich einst mit solcher Innigkeit auf- faßte, nährte und wärmte, in seiner Geburt unter- drückt. Wie soll mein eingeschränkter Verstand

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