es nicht gestatten, so brauchst Du ihn nicht mehr zu lieben, als Dich selbst. Und Du selbst, meine geliebte Gismonda, die Du mit mir auserzogen worden und herangewachsen bist, die ein Band wechselseitiger Liebe in schwesterlicher Vertraulichkeit mit mir vereint, Du selbst, die Du jetzt Ungemach, Schande und Tod für Nichts achten würdest, wenn Du mich für immer verlassen müßtest, auch Du wirst mich einst vergessen."
Von Schmerz überwältigt, antwortete Gismonda nicht; sie neigte ihr Haupt und große Thränen drangen ihr in die Äugen; ans Zärtlichkeit verschloß sie ihre Wimpern, um diese Thränen vor Uole zu verbergen, aber der Kummer gestattete es ihr nicht; sie schlug die Augen wieder zu ihrer Gebieterin auf, und als sie diese ungerührt sah, da brach die Fülle ihres Herzens unaufhaltsam hervor. Ein häufiges Schluchzen bewies, wie schwer das edle Fräulein sich beleidigt fühlte.
Uole blickte sie mit halbgeschlossenen Augen an und fuhr fort: „Es ist so ... . der Mensch findet eine Beleidigung darin, wenn man ihm das sagt, was er in Wirklichkeit thnn zu müssen glaubt. Ein geheimes, edles Gefühl, von dem wir nicht wissen, woher es in uns kommt, lehrt uns, daß es wohlgethan ist, mit dem Freund das Unglück zu theilen, aber die Natur stimmt nicht damit überein, denn sie hat uns so geschaffen, daß unser schrecklichster Feind das Leiden ist, und die -Qualen des Kummers vermögen mehr über uns, als die Schmeicheleien der Liebe.... Es ist so, und ich will Dir deßhalb keinen Vorwurf machen, meine liebe Gismonda; der Fehler liegt in einer höheren Ursache, als Du bist. Wer wagt es, dem Ruf der Natur zu widerstreiten? Wir besitzen nicht die nöthige Kraft dazu, und ich möchte von Dir nicht mehr verlangen, als Du mir geben kannst. Gismonda, meine liebste Gismonda, wofern ich Dir jemals etwas Angenehmes erwiesen habe, wofern die Erinnerung an mich Deinem

