210 Bewohner Europa's. Bewohner Dalencia's.

und ruft den Namen seiner Geliebten so oft, bis sie das Fenster öffnet, und fragt, was er wünsche. Feurig schildert er nun seine gränzenlose Liebe, und bemüht sich, in ihr die gleichen Gefühle zu erwecken. Die Geliebte stellt sich spröde, erklärt wohl, daß sie noch zu jung sei, wenn es auch ihr Ernst nicht ist, spielt mit Bildern, macht dem Liebhaber Vorwürfe, daß er die verschlossene Knospe so frühe brechen, das Täubchen so bald von der Mutter reißen wolle, und sagt ihm, daß sie ihn ja gar nicht kenne, fragt ihn, wer er denn sei, woher er komme. Da das alte Herkommen es so verlangt, dauert diese Spielerei eine Zeit lang fort. Kann nun die Er­wählte nicht länger widerstehen, so reißt sie den Kranz aus den Haaren, und wirft ihn dem Geliebten mit dem Versprechen zu, daß sie auf ewig sein treues Weib sein wolle. Ist dies geschehen, so spielen die Musikanten Allegro, alle Fenster werden erleuchtet, die Ältern kommen mit der ver­schämten Braut, und holen den Bräutigam und seine Begleiter im Triumfe in's Haus. Dann gibt es einen Ball, bei welchem es an Erfrischungen nicht fehlen darf. Die Nackrbarschaft fängt an zu jubeln, und Freuden- schüffe ertönen von allen Seiten her.

Die Hochzeiten sind in Spanien, wie in Portugal, gewöhnlich sehr theuer, besonders bei vornehmen Leuten, deren Eitelkeit eine außerordent­liche Pracht zu entfalten gebietet. Noch ehe die Verlobung Statt findet, zeigt man schon die Kleider, die Wäsche, die Möbel und die Juwelen, welche die Braut erhalten soll, so wie die Geschenke, welche man erhalten hat, dem neugierigen Publikum. Alles wird auf das Sorgfältigste aus­gebreitet, so daß ein Fremder, welcher die spanischen Sitten nicht kennt, eine solche Ausstellung für ein Waarenlager zu halten geneigt sein könnte. Von den verwandten Frauenzimmern pflegt gewöhnlich eine bemüht zu sein, den kommenden Gesellschaften alle einzelnen Gegenstände zu erklären, und zugleich zu bemerken, von welchen Orten die verschiedenen Stoffe bezogen sind, was alles der Braut gehört, und sie von ihrem zukünftigen Lebens­gefährten erhalten hat, was sie dagegen für feine Verwandte gegeben, welche, um sich damit zu brüsten, da sie wohl wissen, daß ihre Geschenke dem Pub­likum bekannt werden, das Möglichste thun. Bei der Vermählung ist der Aufwand nicht geringer, und es setzt derselbe sich bei den folgenden Bällen und später anzuschaffenden schönen Equipagen fort. Bei der Mittelklasse hat sich noch ein alter Gebrauch erhalten, welcher den Karakter des südlichen Lebens trägt. Wenn die Mitternacht gekommen ist, erscheint der Bräuti­gam, und erkämpft mit Hülfe seiner Freunde die Braut, welche er im Triumfe auf die Terrasse des Hauses führt, wo unter einer Blumenlaube,