Bewohner Europa's. Die Montenegriner. 323

zu thun glauben. Särge werden nur selten angewendet, weil man den Leichnam gewöhnlich nur auf ein einfaches Brett legt, und ein Paar andere Bretter so über ihm zusammenstellt, daß sie mit dem unteren ein Dreieck machen. Bei vielen alten Leuten, welche dem Tode nahe sind und ihn er­warten, kommt es vor, daß sie sich während ihres Lebens die Bretter schon zurichten lassen, und daß auch die Frauen das Leichentuch bereiten und die Hemden bestimmen, die man ihnen anziehen soll. Sonst sind auch die Dorfeinwohner bemüht, die Bretter herbeizuschaffen, und das Grab zu graben. Dieses kostet nie etwas. Wenn die Nachricht kommt, daß jemand im Dorfe gestorben sei, verlassen die Ältesten ihre Häuser, lassen ihre Arbeit liegen, und gehen hin, um den Todten zu begraben. Auch die Freunde aus den benachbarten Dörfern kommen dazu, und wenn ein Geistlicher in der Nähe ist, begleitet auch dieser den Todten bis an's Grab. Ist der Geistliche abwesend, so wird er später auf das Grab geführt, um die reli­giösen Gebräuche zu verrichten. Die weiblichen Verwandten des Gestorbe­nen beginnen ein so lautes Klagegeschrei, als ihre Stimmen nur irgend zulassen, was man sehr weit hören, und in großer Entfernung für einen Gesang halten kann. Sie rühmen die guten Seiten des Gestorbenen, seine Tapferkeit, seine Tugenden, und beklagen die traurige Lage und das Unglück, in welchem die Angehörigen zurückgeblieben. Mit dem Augenblicke des Todes fangen diese Wehklagen an, folgen dem Todten bis an's Grab, und datiern noch längere Zeit über die Beerdigung hinaus. Dieses Jammer­geschrei ist am lautesten, wenn man den Todten von Hause wegträgt, und wenn man ihn in's Grab senkt; und man muß oft Verwandte von beiden Geschlechtern mit Gewalt abhalten, daß sie dem Entschlafenen nicht in's Grab nachspringen. Die Klagen einer Mutter um ihren Sohn, und einer Schwester um ihren Bruder hört man oft noch einige Jahre nachher, wenn die Trauernden auf dem Felde, oder zu Hause allein sind. Auf den Grä­bern sind hölzerne Grabkreuze, die mehre Klafter Höhe haben, und auf denselben bildet man so viele Kuckuke ab, als Blutsverwandte, besonders Schwestern, um den Todten trauern. Dieser Gebrauch scheint durch eine Volkssage entstanden zu sein. Der Sage nach war nämlich der Kuckuk einmal ein Mägdchen, das um einen gestorbenen Bruder so lauge klagte, bis es Gott über ward. Deßhalb verwandelte er das klagende Mägdchen in einen Kuckuk. So trifft man es noch jetzt, daß ein Mägdchen, welches seinen Bruder verloren hat, in heftiges Weinen ausbricht, wenn es den Kuckuk rufen hört.

Kommen Freunde und Bekannte aus benachbarten Dörfern zu einem

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