17
Der Hofrath schüttelte den Kopf, und seine Frau spielte mit Nachdruck noch ihren letzten Trumpf aus: „Seit Lilli verheirathet ist," sagte sie, „haben wir kein Souper gegeben, und früher habe ich immer eine Tochter gehabt, die mich in meinen schweren Pflichten unterstützte, die meine Befehle vermittelte und ausführte; eS ist immer so gewesen, deshalb muß es auch jetzt so sein."
Der Hofrath steckte ergrimmt die Hände in die Taschen seines Rockes, und ballte darin eine Jaust. „Molly," rief er zornig, „wenn Du mir mit diesem starren ConservatiömuS kommst, der jede Lebenskraft, jeden Fortschritt todtschlägt, so habe ich's satt, ganz satt! Mache, was Du willst. Ich wasche meine Hände in Unschuld!"
Heftig auftretend verließ er das Gemach. Seine zurückbleibende Gemahlin sah anfangs beleidigt, dann bedenklich auS; doch verharrte sie nicht lange in müßigen Gefühlen, da tausenderlei wichtige Geschäfte und Vorbereitungen auf daS 'abendliche Gastmahl ihre Thatkraft in Anspruch nahmen, und alle diese Werke in genauer Reihenfolge aneinander gekettet in ihrem Kopfe rührten, folglich auch in derselben Reihenfolge ins Leben übersetzt werden mußten, und daS Alles, ohne ein Stäubcheri auf die makellose Herrlichkeit, die blendende Sauberkeit ihres Anzuges zu werfe», oder ein Fältchen daran zu zerdrücken.
Endlich schlug die große Stunde; der duftige Salon mit glänzenden Möbeln und schwellenden Sitzen, dem hohen Pfeilerspiegel, der die Lichter der schwebenden Ampel zurückwarf, war bereitet für die Gäste, war eine würdige Umgebung für die schneeweiße Herrin, die darin auf und nieder schritt, mit ängstlichen Blicken jedes Eckchen durchspähend, ob ein Fleckchen oder Stäubchen dort zu finden sei, und zugleich in peinlicher Spannung horchte, ob ihr Gatte noch nicht erscheine. Tritte ertönten. Wenn eS der Prinz wäre? Nein, es war ihr Gemahl, der harmlos, den frühern Zwist vergessend, im Hereintreten ein Festtagsgesicht zeigte,
Aurora. 2

