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los über Trümmer und Ruinen, über Schutt und Gerölle jahrhundertealter Vorurtheile hinweg und zermalmt unerbittlich, was sich ihm entgegen zu stellen versucht.
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Die Aufregung, die der Zola Prozeß gezeitigt hat und die in Paris einigermaßen schon im Rückgang ist, führt in der Provinz noch immer zu argen Exzessen. Am schlimmsten ist es offenbar in Bar le Duc hergegangen. Dort hatte ein jüdischer Beamter, der Vorbeter Taubmann, einen Camelot (Straßenverkäufer), der mit antisemitischen Schriften hausirte, verhaften lassen, aber damit die Wuth der Menge gegen sich gereizt. Als am nächstfolgenden Tage das im Bar le Duc lagernde 94. Regiment von einer Uebung zurückkam, wurde ihm zu Ehren eine große Demonstration veranstaltet, aber die aufgeregten Massen wandten sich plötzlich mit dem Geschrei: „Nieder mit Dreyfus, Tod den Juden"! gegen das Haus, in dem Taubmann wohnt. Ehe der Polizeikomrniffar, der mit seinen paar Gensdarmen der Menge gegenüber ohnehin fast machtlos war, es verhindern konnte, war das Haus gestürmt, ebenso eine Reihe von Läden der Nachbarschaft, in denen sich jüdische Geschäfte befinden. Mit Mühe wurde die Ordnung wiederhergestellt, doch mußte der Kommissar mit Rücksicht auf die herrschende Erregung von der Verhaftung der Rädelsführer Abstand nehmen, dagegen mußte Taubmann mit seiner Familie aus Bar le Duc flüchten. Gegen einige Rädelsführer ist ein Prozeßverfahren eingeleitet worden, aber man glaubt nicht, daß eine ernstliche Strafe gegen die Exzedenten ausgesprochen werden wird, ebensowenig, wie die wegen der antisemitischen Hetzversammlung vom 13. Februar zur Rechenschaft gezogenen Millevoye, Guerin, Regis u. a. m. etwas Ernstliches zu befürchten haben.
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In Algier ist die Situation immer noch sehr gefährlich für die Juden. Der Rücktritt von General Boitard, der pensionirt wurde, war wieder die Veranlassung von großen Demonstrationen zu Gunsten, der Armee, ebenso am 24. Februar die Bekanntmachung von Zola's Verurtheilung. Diesmal waren wieder die bekannten Gestalten der Plünderer und Todtschläger auf dem Platze und nur den diesmal wohlvorbereiteten Sicherheitsmaßregeln der Polizei und dem sofortigen Ausrücken des Militärs ist es zu danken, daß schlimmere Exzesse verhütet wurden. Der Abgeordnete Bourlier, der bei der Kammerdebatte in Paris den Muth gehabt hat, für die Juden einzutreten, hat seine Bewerbung für die Neuwahl zurückgezogen, die Kandidatur wäre freilich auch aussichtslos gewesen, seit Bourlier den Muth gehabt hat, sich der verfolgten Juden anzunehmen. Dagegen bewirbt sich Drumont um ein Abgeordnetenmandat und dieser Mensch, der in Frankreich überall den Wählern zu schlecht war, hat dort große Aussicht ein Mandat zu erlangen!
Me Gesellschaft für jüdische Volkskunde.
Hamburg, 20. Februar.
m 16. Februar wurde in den Räumen der Henry Jones-Loge (U. O. B. B.) zu Hamburg die im ersten Hefte der Mit. theilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde angekündigte erste Versammlung der Gesellschaft abgehalten und durch einen Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwald eingeleitet.
Der Redner dankte zunächst der Loge und insbesondere dem rverthen Präsidenten für die Förderung bei der Gründung der Gesellschaft und knüpfte zum Zeichen der Erkenntlichkeit, da ja jeder Vater seine Kinder
gern loben hört, an das jüngste Unternehmen an, zu welchem der werthe Präsident die Anregung gegeben hat.
Es ist dies bekanntlich der Versuch, die Juden in Deutschland dem Ackerbau zuzuführen oder vielmehr zum Ackerbau zurückzuführen. Denn die in den Mittheilungen der Gesellschaft veröffentlichten Bauernregeln zeigen u. a., daß die Juden sich selbst im Mittelalter dem Feldbau nicht ganz entfremdet haben, und im Alterthum war dies ja Israels eigentlicher, sein nationaler Beruf.
So finden wir Israels Helden die Hand am Pfluge, die Lende gegürtet, besonders in jener stürmischen Zeit der Richter, in der gegen die Feinde, durch welche die Vorsehung Israel richtete, ihm mitunter gar keine anderen Waffen blieben als Pflugschar, Sichel und Winzermesser.
Gerade diese Kämpfe aber und gerade der Ackerbau liefern Rahmen und Hintergrund der schönsten Idylle, der Geschichte Ruths, der Stammmutter Davids. Also mitten im Kämpfen und Pflügen ein Ausblick auf eine Zeit der Ernte und des Glanzes.
Und wo entspinnt sich diese Geschichte? Ruth sammelt auf dem Felde Aehren, welche die Schnitter zurückgelaffen haben. Und solche Aehren zu sammeln ist auch die Aufgabe der Gesellschaft für jüdische Volkskunde.
Denn wie in jener Zeit der Richter, so hatte Israel auch späterhin oft mitten unter Kämpfen, in denen der geistige Spaten, die geistige Pflugschar die einzigen Waffen blieben, zu säen und zu pflügen, und gar manches ist auch da, zumal drohender Sturm zur Eile drängte, bei der Ernte auf dem Felde geblieben, was doch, wie wir bei Ruth sehen, das einzige Samenkorn geben kann für bessere Zeiten. Und dies zu sammeln und zu nützen, ist Aufgabe der Wissenschaft, die wir mit einem dafür üblich gewordenen Ausdruck Volkskunde nennen.
Die Volkskunde erstrebt nämlich die Erforschung des Charakters, des Geistes- und Gemüthslebens eines Stammes. Sie beschränkt sich aber nicht, wie die Völkerpsychologie, auf die bereits in Kunst und Litteratur, in Religions-, Rechts- und Staatsleben niedergelegten Daten und Anschauungen. Denn diese Gebiete zeigen uns weniger die Offenbarungen eines bestimmten Stammescharakters als die Bethätigungen des Menschen im Allgemeinen. Doch aus den Ansätzen zu solchen Kundgebungen spricht die Volksseele als solche, aus der noch im Volke lebendigen „Litteratur", aus dem naturwüchsigen Kunsttrieb, dem Volksglauben, den Rechtsbräuchen, der natürlichen gesellschaftlichen Gliederung.
Auch der Rahmen der Kulturgeschichte sowie der Ethnologie wird der Volkskunde zu knapp. Denn ihr Gegenstand leidet weder eine genaue Eintheilung nach Zeitabschnitten, wie sie die Kulturgeschichte erheischt, noch eine strenge Sonderung nach Bolkstypen, wie sie die Ethnologie voraussetzt. Die Volkskunde führt uns vielmehr an der Hand der Sitten, der Sagen und des Singens eines Stammes rückwärts in Fernen jenseits von Geschichte und Rassenscheidung — und gerade darum, so scheint es, weiter abseits vom Markte des Lebens als mancher andere Zweig der Wissenschaft.
So hört man denn nicht selten: „Welchen Werth haben solche Forschungen? Wir sind ja froh, gerade diesen Aberglauben, diese verdorbene Sprache, diese Unsitten los zu sein. Wozu also für gebildete Leute diesen Brei wieder aufwärmen? Ist ein solches „Rückwärtsschreiten" nicht ein Rückschritt?"
Solche Fragen hört man selbst in Kreisen, die durchaus nicht mehr darüber staunen, daß man verfallene Ruinen zu erhallen sucht, obwohl man doch heutzutage weit besser baut, daß man Geschirr und Werkzeug der Vorzeit, die aus dem Erdboden gelegentlich zu Tage gefördert werden, als glücklichen Fund begrüßt, während doch heute weit besser gekocht und gearbeitet wird. Hier hat nun die Volkskunde zu zeigen, daß das Leben der Vorzeit weit deutlicher zu erkennen ist aus dem im Volke lebendigen geistigen Gute, als aus bröckelndem Stein und verrosteter Münze. Gerade deshalb liefert die Volkskunde auch manchen noch heute werthvollen Baustein, manche noch heute gangbare Münze, gerade deshalb spricht sie nicht selten das entscheidende Wort auf dem Markt des Lebens, in Tagesfragen, welche auf Vorurtheile gegen gewisse Charakterzüge eines Stammes zurückzuführen sind, auf Vorurtheile im fremdem, oft selbst im eigenen Lager.
Sind es doch nicht selten praktische Gesichtspunkte, welche zu volkskundlichen Forschungen geführt haben. Ein so hervorragend

