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praktisch gesinntes Volk, wie das englische, hat dieser Wissenschaft den Ursprung und den internationalen Charakter und Namen (Folklore) gegeben. Panslawistische Neigungen mögen bei den Völkern slawischer Zunge bei der überaus eifrigen und planmäßigen Erforschung ihres Volksthums Mitwirken. Den Einfluß des Großstadtlebens, überhaupt der Schiebung der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kern des Volksthums einzudämmen, dafür sind die Vereine für Volkskunde in Deutschland und anderen Ländern von nicht,"zu unterschätzender Bedeutung.
Aber welchen Sinn und Nutzen hat denn eine jüdische Volkskunde? Diese Wissenschaft hat an und für sich weder kommerzielle, noch politische oder soziale Beziehungen. Denn selbst, wenn wir Israel als sonst nichts wollten gelten lassen denn als religiöse Gemeinschaft, selbst dann hätten wir, wenn auch nicht ein jüdisches Volksthum, so doch sicherlich die Volksthümlichkeit des Judenthums zu betonen. Ohne Volksthümlichkeit könnte flch das Judenthum ebenso wenig halten wie irgend eine andere Religion. Es genügt der Hinweis auf das Christenthum. Wie dieses von der Trajansäule den Trajan heruntergeholt hat, um seinen Apostel daraufzusetzen, so hat es oft einem heidnischen Rumpfe einen christlichen Kopf aufgesetzt, so hat es dem Volke sein altes Volksthum gelassen, soweit es sich nur irgend als Füllung hineinfügte in das Fachwerk der christlichen Dogmatik. Beweise sind das Weihnachtsfest, die zahlreichen Kinderlegenden u. s. w. Auf diese Weise allein hat das Christenthum Fühlung gefunden mit dem Herzen des Volkes, vor allem des Kindes. Und dadurch nicht zum Wenigsten hat auch Luther, der große Reformator, unter den vielen Reformern der Neuzeit seinen Erfolg erzielt. Er selbst trug sich mit der Absicht, seinen Deutschen ein verneuertes und geschwertes Märleinbuch zuzurichten.
Warum soll nun gerade das jüdische Ki nd leer ausgehen? Warum soll nicht auch durch — womöglich geschmackvoll illustrirte Kindermärchen, gesammelt und gesichtet, etwa im Geiste der klassischen Grimm'schen Sammlungen, und auf ähnlichem Wege etwas von Gott und seinem Walten, von den jüdischen Festen und Bräuchen mit ihrer Poesie und Gemüthsinnigkeit einfließen in die Kinderseele? Warum müssen dem Kinde erst in der Strenge der Schulzucht Dinge zur Aufgabe werden, zur Aufgabe mit dem oft bitteren Beigeschmack der Pflicht, die ihm spielend sollten eingegeben werden nicht erst vom Lehrer, sondern von der Mutter oder vom Großmürterchen im Kinderlied und im Kindermärchen der Kinderstube? Man vergleicht Israel mit den Frauen (Jellinek), man spricht von einer Religion des Mannes (Kompert), weshalb denkt man denn nicht an ein Judenthum des Kindes? Wie mancher Gegensatz ließe sich hier im Kindesherzen an der Wurzel ausföhnen! Weshalb gerade hier die Zeit der Aussaat versäumen?
Dies wäre also schon ein Gesichtspunkt, die Arbeit der jüdischen Volkskunde praktisch zu verwerthen. Und diese Arbeit hat bisher gerade auf dem Gebiete der Märchen und Sagen die wichtigsten Ergebnisse erzielt. Die jüdischen Märchen und Sagen gestatten uns nämlich einen tiefen Einblick in das innerste Gemüthsleben des Juden, sie zeigen uns am klarsten, wie sich darin widerspiegelt das eigene — oft traurige — Schicksal wie fremdes Erlebniß, die Welt des Ghettos wie die Außenwelt. Manches ist ganz unverändert, höchstens durch Anlehnung an ein passendes Schriftwort dem jüdischen Geiste näher gerückt, fremden Kreisen entnommen. Anderes zeigt nur fremde Motive, doch echt jüdisches Gepräge. In einzelnen Fällen liegt gemeinsame Quelle, mitunter Priorität der Entlehnung, vor. Gestalten und Gebilde der älteren jüdischen Sage, wie sie in talmudischen und rabbinischen Schriften bereits niedergelegt ist, leben im Original oder in Variationen im Volke fort.
Wichtige Züge treten im Einzelnen zu Tage: der weltgeschichtliche Beruf Israels als Vermittler wie im Welthandel so im Austausch geistigen Gutes, eine wohlthuende Milde in der Behandlung mittelalterlicher Brunnenvergiftungs-, Hostienschändungs- und Ritualmordshistorien, gemüthlicher Umgang mit Außenstehenden, rührende Kindesliebe und Gattentreue, liebevoller Verkehr mit der belebten und unbelebten Natur, vor allem rührendes Gottvertrauen.
Die Kreise, in welche die einzelnen Sagen und Märchen sich einreihen lassen, entsprechen im Allgemeinen den großen deutschen Sagenkreisen. So erinnert in einer dieser Sagen die Herleitung des Namens der Stadt Worms von dem Lind„worm", den einer von drei wackeren Brüdern (Günther, Gernot und Giselher) erlegt, um die Königin
(Brunhild) dadurch zu gewinnen, auf den ersten Blick an die Ni- belungensage. Die Gestalt des wackeren Spielmanns Volker von Alzei findet ihr Ebenbild in dem treuen Lautenschläger einer anderen Sage, der seine Herrin bis an den Rand der Hölle begleitet und hier mit einem alten Freunde zusammentrifft, der nun, wie Orpheus oder der Geiger in „Frau Holle" in der Hölle zum Tanz aufspielte, zum Lohne dafür, daß er auch bei Lebzeiten auf den jüdischen Hochzeiten feine Kunst zum Besten gegeben hatte.
Motive der Gudrunsage finden sich im Märchen von dem treuen Sohne, der seinem Vater auf dem Sterbebett gelobt hatte, nie zu schwören, und infolgedessen, da böse Menschen dies ausnützen, in den Schuldthurm kommt. Seine Frau ernährt sich und die Kinder vom Wäsche waschen, und als sie eines Tages so am Meeresufer diesem Geschäft obliegt, legt ein fremdes Schiff an, und der Schiffsherr, dem ihre Schönheit auffällt, entführt sie, wie Horant oder „Der getreue Johannes".
Wie im Tannhäuser oder im Grimm'schen Märchen „Die drei grünen Zweige", wird ein getaufter Jude, der durch seine Aussage einer ganzen Gemeinde das Leben gerettet hat, des Wunders gewürdigt, daß ein dürrer Stecken seinetwegen grüne Blätter sproßt.
Und wenn im Tristan das goldene Frauenhaar, welches eine Schwalbe auf König Markes Fensterbrett fallen läßt, den Anlaß giebt zu Tristans Abenteuer, so finden wir auch diesen Zug in jenem jüdischen Märchen wieder, welches in der Hauptsache dem Grimm'schen „Fernand getrü" entspricht. Auch hier führt den Boten die Treue geretteter Thiere zum Ziel. Die Klugheit der Thiere spielt überhaupt in dieser Märchenwelt eine große Rolle. Bezeichnend ist das in unseren „Mittheilungen", Heft I, S. 77, veröffentlichte Märchen, wie der Hahn den Herrn die Frau behandeln lehrt, ein werthvolles Seilenstück zu der polnischen Erzählung, welche in den Mittheilungen der Schlestschen Gesellschaft für Volkskunde 1897, S. 62, behandelt wird.
Am nachhaltigsten hat aber die Faustsage auf die jüdische Phantasie eingewirkt, wie wir ja auch von einem Dr. Faustus - Tanz bereits im ersten Heft unserer Mittheilungen gesprochen haben. Was solchen Einflüssen in der jüdischen Gedankenwelt entgegen kam, war vor allem der kabbalistische Zug der Zeit, ferner die auffallende Wechselbeziehung zwischen den entferntesten Gemeinden, besonders zwischen Spanien und Deutschland. Die Bachurim, die fahrenden Schüler des Ghettos, auch sonst spielen die „fahrigen Studenten" eine wichtige, wenn auch wenig rühmliche Rolle in den jüdischen — ähnlich wie in osteuropäischen Sagen—, knüpften und unterhielten solche Beziehungen. Da war es statt der beschwerlichen Reise zu Fuß oder zu Schiff natürlich bequemer, auf dem Zaubermantel, dem ja bekanntlich auch Faustus seinen Namen verdankt, durch die Lüfte zu fliegen, und zwar so schnell, daß die Mazzot, die Osterbrode, die man in Worms gebacken und mitgenommen, noch ganz warm find, wenn man in Toledo landet. Besonders eine Sage aus diesem Kreise, wie der dumme Teufel sich überlisten läßt, findet treffliche Analoga in zwei jüdischen Sagen vom Dalles.
Alle diese Sagenkreise finden aber in den jüdischen Ueberlieferungen nicht nur Analogien, sondern nicht selten wesentliche Ergänzungen und Erklärungen.
Ein zweiter praktischer Gesichtspunkt, unter den sich die jüdische Volkskunde stellen ließe, ergab sich, als Leopold Zunz den Nachweis führte, daß die sogenannten altjüdischen Namen gute altdeutsche Namen seien und damit das seltsame 'preußische Namensverdikt entkräftete. Welchen wissenschaftlichen Werth aber diese Namenskunde hat, das läßt sich leicht aus dem ermessen, was sie für die Kenntniß der Siedelungsverhältnisse und sonstiger geschichtlicher Beziehungen der Juden bisher geleistet hat. Selbst aus unseren Sammlungen konnten wir bereits ein Beispiel anführen, welches eine gelehrte Hypothese zur Gewißheit erhebt.
Die Sammlung der jüdischen Beinamen, Spitz- und Uebernamen insbesondere, welche uns beinahe eine jüdische Geographie, wenigstens gewisser Landestheile, wie Posen und Hessen, theilweise sogar eine jüdische Zoologie und Botanik liefert, da der darin waltende Witz weder Menschen noch Thiere, weder Pflanzen noch Häuser, weder Städte noch Dörfer verschont, ist für die Charakteristik des jüdischen Geisteslebens unentbehrlich. Diese Beinamen sagen uns nämlich deutlicher als irgend ein anderes Denkmal, welche physischen und Charaktereigenschaften von der

