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Norm und dem Typus des Ghettojuden abstachen und eben deshalb den Spott oder den Neid der Gaffe herausforderten. Ferner lernen wir daraus die Berufsarten der Juden kennen. Oft liegt in einem solchen Namen die ganze Geschichte nicht nur eines Menschenlebens, sondern vieler Geschlechter. Denn diese Namen zeigen eine unheimliche Anhänglichkeit. Sie begleiten ihren Träger treu bis ins Grab, wenn sie nicht gar am Grabstein hängen bleiben, sie springen von den Häusern, wie z. B. die Frankfurter Rothschilds, Schwarzschilds u. s. w. zeigen, auf ihre Besitzer und haben mit diesen bekanntlich sogar in das deutsche Adelslexikon Eingang gefunden.
Aber zwei Umstände bedürfen hier besonderer Erörterung. Zunächst steht die Neuzeit diesen Erzeugnissen des Gassenwitzes nicht sympathisch gegenüber. Aber man bedenke, daß dieser Witz oft die einzige Waffe des Juden war, Unrecht zu strafen und Beleidigungen zu rächen. Sodann findet er dadurch eine gewisse Entschuldigung, daß er sich, wie wir besonders in den Sprichwörtern sehen, sich auch in der schärfsten Selbstkritik des Juden äußert. Vor allem aber handelt es sich hier ja gar nicht um Sympathie oder Antipathie, sondern hier hat man einfach zu sammeln, wie der Botaniker sammelt, mit möglichster Wahrung des Kolorits, und mag dabei auch eines gern verloren gehen — der Duft. Keinesfalls werden doch diese Sammlungen bei Einsichtigen den Verdacht erregen können, als bezweckten sie die Züchtung solchen Witzes in Reinkulturen. Und nun ein Wort über den vielgeschmähten Jargon. Gerade dieses Jargons wegen genirt sich Mancher, Dinge, die ihm von Kindesbeinen auf geläufig sind, für unseren Zweck herzugeben. Nun, diese Gene ist jedenfalls weit verwerflicher als jener Jargon. Denn der Jargon ist, wie Leo Wiener, der Spezialist für dieses Fach, erst im Februarheft der „Menorah" wieder des Näheren ausführt, zu wesentlichen Bestandtheilen deutsches Sprachgut, so daß sich der Eingeweihte nicht wundern wird, manchen sog. Jargonlaut noch heute allerwärts in deutschen Gauen zu hören. Der Jargon ist ferner als das sprachliche Medium der osteuropäischen Juden und einer umfangreichen Litteratur für uns genau von demselben Wert he wie jede andere Sprache, in welcher die für uns bedeutsamen Ueberlieferungen sich darstellen. Wir brauchen ja keine Schönfärberei, sondern möglichst getreue Photographien, worin wohl kein Vernünftiger wird Wiederholungsversuche erblicken wollen. Immerhin bleibt zu bedenken, daß in dieser, wenn auch noch so barocken Form die deutsche Sprache durch die Juden Jahrhunderte lang zum Bollwerk deutscher Kultur in den fernsten Ländern geworden ist, und daß gar oft in diese Hülle sich eine Gemüthstiefe kleidet, welche gerade hier um so wohlthuender anmuthet.
Gene ist also hier durchaus nicht am Platze. Schicken wir sie (geniren von mtl. gebemwre „foltern", von gekenriom „Hölle"!) dahin, wohin sie gehört, und halten wir uns an das Wort des alten Agricola, daß, wer Sprichwörter schreibt, nicht immer Seide spinnen kann. Es wird auch Hanf mit darunter sein müssen.
In der Thal gilt diese Regel ganz besonders von den Sprichwörtern, wobei der „Hanf" nicht nur die Beziehung der derben Grobheit, sondern auch des Durchhechelns am treffendsten ausdrückt. Die jüdischen Sprichwörter, selbst die älteren Quellen oder fremden Kreisen entlehnten, wobei ja gerade diese Auswahl bezeichnend ist, umschreiben das ganze Gebiet des jüdischen Denkens und Fuhlens. Daß das Geld darin eine Rolle spielt, wird um so weniger auffallen bei Menschen, welche damit oft das nackte Leben zu erkaufen hatten. „Parnosse is Krias Jamsus" d. h. Geld ist der Stab, vor dem sich die Wogen des Schilfmeeres theilen. „Mit den Mees kommen die Dees" d. h. etwa: mit den Staatspapieren kommen die Ehrendiplome, aber „mit den Mees kommen auch die Gees" d. h. der Hochmuth, und den kann der Jude nicht vertragen, wie ihm überhaupt alles Ueber- und Unmäßige zuwider ist. Er erscheint, wie die Hybris der Alten, als göttliche Strafe für unrechtmäßig gewonnenes Gut. „Lottrie hat keine Zeloche", d. h. bringt kein Glück, denn „kein Massel ohne Broche", d. h. an Gottes Segen ist alles gelegen. Dieses innige Gottvertrauen spricht aus den schönsten dieser Sprichwörter. „Wie man sich vornimmt, helft Gott", „der rechte Dalles kommt nicht von Gott."
Hier, beim Dalles, stehen wir also wieder bei einem Gegenstände hervorragend praktischer Bedeutung. Was der Dalles ist, läßt sich mit dürren Worten nicht sagen. „Wenn Jhr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen." Nur wer an einem akuten Dalles wenigstens einmal gelitten hat, begreift seine Bedeutung im jüdischen Sprichwort. Nichts
macht ihm da den Rang streitig —- außer dem Stuß, der Narrheit, der Unwissenheit. Dalles und Stuß sind aber auch die beiden Erbfeinde des Judenthums. Die wirthschaftliche und geistige Noth zu bekämpfen mit Herz und Hirn durch Wohlthun und Wissen, darin sieht Israel seine Aufgabe. Doch unter einander vertragen sich Dalles und Stuß brüderlich, sie ergänzen einander insofern, als der Spott überden einen genau da erst aufhört, wo das Mitleid mit dem anderen anfängt.
Nur in einem Falle findet der Jude die Unkenntniß verzeihlich, nämlich die Unkenntniß der Gesetze des Dalles. Doch sonst wird der Unwissende arg mitgenommen.
Nirgends aber zeigen sich jene beiden Faktoren so innig vereint, wie im Schlemihl. Der Stuß und seine unerbittliche Wirkung: der Dalles in einer Person vereint, das ist der Schlemihl, so könnte man sagen. Doch reicht die Erklärung nicht ganz aus. Hier im Schlemihl steht man nämlich, während das Judenthum sonst keinen Fatalismus kennt, einer Erscheinung gegenüber, welche wirklich von einem bösen Geschick, einem „Schlimm' Massel" verfolgt scheint. Daher auch wahrscheinlich der Name Schlemihl, verstümmelt aus Schlimm-Massel, wobei der biblische Name Schlumiel vorgeschwebt haben mag. Schlemihl aus diesem Namen und seinen Beziehungen in der Schrift allein herzuleiten, ist nicht gut möglich. Zudem ist Schlumiel Personenname bis in die Neuzeit hinein, so kennen wir unter den Schülern des Kabbalisten Jfak Lurja einen Schlumiel aus Proßnitz. Und mögen nun auch Eltern ihren Kindern noch so seltsame Namen geben, ihr Kind schon in der Wiege zum Schlemihl zu stempeln, wird ihnen gewiß fern liegen. Zudem ist das klassische Femininum zum Schlemihl: Schlimmesalnize. Und diese Schlimmesalnize gehört legitim nur zu Schlimmesalnik. Dieser polnische Schlimmesalnik ist aber nichts anderes als der deutsche Schlemihl.
Diese Ausführlichkeit verdient der Schlemihl als eine Figur, die nur auf jüdischem Boden verständlich ist. Sein Leben ist die erschütterndste Tragikomödie, die man sich denken kann, um so erschütternder, als hier Held und Dichter und Dichtung und Wahrheit zusammenfallen. Keiner hat dies so treffend wiedergegeben wie Kompert in der bekannten Novelle. Hierfür ein Wort in der deutschen Sprache zu suchen, die doch gewiß nicht zu den ärmsten gehört, wäre vergeblich. Auch hierfür hat nur der Jude ein Wort, das Wort — Nebbich.
Das weibliche Komplement zu unserem Schlemihl leite uns zu den jüdischen Volksliedern hinüber. Wie wird der „Schlemmaselnize", der „Schlampe" darin mitgespielt!
Esterl, mein Schwester!! wie geht's bei Dir zu!
Wenn man soll essen geh'n, stellt man erst zu;
Wenn man soll trinken geh'n, holt man erst Wein,
Wenn man soll schlafen geh'n, fällt's Bettele ein.
Grade auf diesem Gebiete zeigt sich der jüdische Geist am selbständigsten, Entlehnung fremden Gutes höchst selten.
Selbst Nummern wie Nr. 5 auf S. 66 unseres I. Heftes, welche offenbar zu dem
Hansel und Gretel Zwei lustige Leut:
Hansel ist närrisch,
Gretel nicht gescheut!
Grimm, Märch. III, 66,
im Zusammenhänge steht, brauchen nicht fremden Ursprungs zu fein, zumal das letztere Liedchen in Hamburg ausgezeichnet ist (vergl. Dichtungen aus der Kinderwelt, Hamburg 1815) und gerade hier manches aus jüdischen in andere Kreise gewandert ist.
Und welcher Herzensadel, welche Frömmigkeit spricht nicht allein aus den Wiegenliedern!
„Tora wird es lernen,
Sforim (Bücher) wird es schreiben.
Ein guter Jude wird es tamid (stets) bleiben", das ist der Wunsch der jüdischen Mutter für die Zukunft des Kindes. Ein solcher Blick in die jüdische Kinderstube erschließt am besten die jüdische Volksseele und das Geheimniß ihrer Unsterblichkeit. Es ist darum für uns von besonderem Werthe, daß wir im nächsten Hefte nebst anderen Liedern eine vorzügliche Blüthenlese „aus der russisch- jüdischen Kinderstube" bringen können.
Auch unsere Sammlungen jüdischer Bräuche u. s. w. haben erfreulichen Zuwachs erfahren. Hier steht man der Leben gewordenen Geschichte

