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Israels gegenüber, hier erkennt man am klarsten den Drang der Volksseele, alle die wichtigen Momente des bürgerlichen und besonders des religiösen Lebens durch sinnreiche und gemüthvolle Symbolik zur Herzenssache zu machen. Wie kann man die vielgeschmähte Monotonie des jüdischen Monotonismus besser illustriren, als durch die „geschmackvolle" Symbolik unserer Speisenkarte, die jedes Fest, jede Gelegenheit mit fesselnden Reizen ausstattet?
Hier stehen wir wiederum an einem Punkte von praktischer Bedeutung. Daß jede Art von Aberglauben, wie stets von den maßgebenden Führern in Israel, auch in unseren Tagen zu verdammen ist, braucht kaum noch erwähnt zu werden. Aber sollen so sinnige Bräuche, wie die Cholekreisch Süddeutschlands und ähnliche, welche wichtige soziale Fragen, wie die Frauenfrage, in aller Stille und Gemüthlichkeit im Rahmen der Familie befriedigend lösen, auch dem Strome der Zeit zum Opfer fallen? Welchen Halt das jüdische Leben gerade an solchen scheinbar kleinlichen Dingen hat, erfleht man am besten aus der Bedeutung der alten Melodien für die häusliche Andacht. Wird man es also verargen können, wenn wir den Melodien des Freitagabends u. s. w. unseren Sammeleifer widmen und wohl schon im nächsten Hefte Proben vorlegen?
Nicht minder praktisch ist die letzte Frage, die Frage nach dem Baustil der Häuser, den Trachten u. f. w. Diese Frage führt uns zunächst zur Veröffentlichung werthvoller Illustrationen, wie sie die alten jüdischen Handschriften in oft überraschender Schönheit bieten, ferner zur Reproduktion künstlerisch werthvoller Kultgegenstände u. s. w. Damit läßt sich der Anfang zu einer Geschichte der jüdischen Kunst verzeichnen. Gerade in Hamburg finden wir darin die dankenswerteste Förderung durch die verehrliche Leitung des Museums für Kunst und Gewerbe, welche mit der Sammlung jüdischer Kultgegenstände bereits begonnen und uns diese Sammlung für unseren Zweck, so auch für die mit dem Vortrag verbundene Ausstellung zur Verfügung gestellt hat.
Unser Unternehmen ist überhaupt bisher vom besten Erfolg begleitet worden. Abgesehen von dem täglichen Anwachsen unserer Mitgliederzahl und dem Beitritt hervorragender Gelehrter in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen, hat sich vor allem der Hauptzweck dieser Gefell- fchaftsgründung bereits in etwas verwirklicht, nämlich das planmäßige Zusammentragen der Balken, mit denen wir bauen können.
Denn Versuche Einzelner, jene auf dem Felde gelassenen Aehren zu sammeln, sind seit den ältesten Zeiten zu verzeichnen. Das mittelalterliche Sefer chassidim (Buch der Frommen), die Minhagim- und Maasebücher, in neuerer Zeit Sammlungen, wie die Tendlaus, Arbeiten, wie die Löws, Perles, Jellineks, Berliners, Güdemanns, Steinschneiders, Grünbaums u. s. w. find dahin zu zählen. Doch erst eine solche Gesellschaft kann wirken, wie der Gegenstand es erheischt, urbi et orbi.
Nach Schluß dieser Ausführungen wurde die Ausstellung unserer Sammlungen besichtigt, worunter außer den im I. Heft angeführten Gegenständen zu bemerken waren:
1) aus dem hiesigen Kunstgewerbemuseum: eine Jad (Toraweiser), welche im Führer durch das Museum abgebildet ist, eine Sederschüssel (aus dem 18. Jahrhundert, orientalischer Stil!), welche der Museumsbericht für 1897 wiedergiebt, ein Mesusaschreinchen (arabischer Stil) und eine Jad, aus einer Koralle gefertigt, mit Silberbeschlag,
2) aus der Bibliothek der Samsonschule zu Wolffenbüttel, wofür dem Herrn Direktor hiermit bestens gedankt sei, die Megillot Rut und Kohelet mit werthvollen Illuminationen,
3) ein „Jichus"brief, von einem Mitglieds für den Zweck geliehen,
4) ein alter Bucheinband, im Besitz eines andern Mitgliedes.
Verschiedene neue Zuwendungen zum Museum und zur Bibliothek
sollen im nächsten Hefte verzeichnet werden.
Der an demselben Abend durch Akklamation gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren Benezra, Bing, Dr. Frank, Gold- schmidt, Dr. Grunwald, Heilbutt, Ritter, Tuch, Winsen, Wolff.
Im Anschluß an diesen Bericht richten wir nun an alle Leser die Bitte, nach Möglichkeit, wenigstens durch den Mindestbeitrag von 3 Mk. unser Unternehmen zu fördern, ein Unternehmen, dessen wissenschaftliche Bedeutung von den maßgebendsten Seiten oft in begeisterten Ausdrücken anerkannt ist, und einem Gegenstände gilt, der unser aller Theilnahme verdient: Israel!
Aer Fall Areyfus
im Fichte der jüdischen Gesetzgebung.
Bon Rabbiner Dr. Kohn in Jnowrazlaw.
IV.
nd er richtet mit Gerechtigkeit die Elenden, und entscheidet mit Biederkeit über die Gebeugten im Lande, und schlägt das Land mit der Geißel seines Mundes, und mit dem Hauch seiner Lippen tödtet er den Bösewicht. Und es ist die Gerechtigkeit seiner Lenden Gurt und die Treue der Gurt seiner Hüften." (Jesaia,'.11, 4—5.) Kann Emile Zola, der begnadete Dichter und Richter Frankreichs, schöner, treffender geschildert, seine augenblickliche, wahrhaft prophetische Wirksamkeit genauer, umfassender dargestellt werden, als es in diesen wenigen und doch auch so vielsagenden Worten Jesaias geschieht?
„Er schlägt dasLand mit derGeißel sein es Mundes, und mit dem Hauch seiner Lippen tödtet er den Bösewicht!"
Ist das nicht der vielbewunderte, vielgepriesene Zola! Wie stünde es heute um Frankreich, um die Ehre, die Würde, das Ansehen Frankreichs, wenn nicht Emile Zola die Schmach von deffen Haupte abgewälzt und es von Neuem mit unsterblichem Ruhme geschmückt, gekrönt hätte! Oder gereicht es nicht Frankreich zur höchsten Ehre, diesen unvergleichlichen Helden an Muth und Unerschrockenheit, diesen kühnen Ankläger, diesen begeisterten, opferfreudigen Vertheidiger, gereicht es Frankreich nicht zum ewigen Ruhme, Emile Zola seinen „Sohn" neunen zu dürfen! Welch' unermeßlichen Reichthum an Borzügen des Geistes und des Herzens muß eine Nation besitzen, die einen Emile Zola zeugen und der Welt schenken konnte! Diesen Mann, „auf dem der Geist der Weisheit und Einsicht, der Geist des Rathes und der Stärke ruht!" (Jesaia, 11, 2.)
Frankreich hat in letzter Zeit viel Bitteres erfahren, so manche Züchtigung, Demüthigung von Seiten des Geschickes hinnehmen müssen, die letzten Blätter seiner Geschichte sind mit Blut, mit Strömen edlen, kostbaren Blutes geschrieben; und trotzdem kann es stolz sein Haupt erheben, trotzdem kann es sich des höchsten Triumphes rühmen, trotzdem mit Lorbeer sein Haupt schmücken und sich eines glorreichen Sieges freuen, errungen durch seinen unsterblichen Sohn, durch den Richter und Dichter des Landes, Emile Zola!
Die ganze Welt rühmt und preist in freudiger Begeisterung seine Heldenthat. Die ganze Welt blickt mit Stolz auf diesen Befreier und Erlöser der scheinbar in Feffeln geschlagenen Gerechtigkeit, Wahrheit und Menschlichkeit. Die Menschheit überzeugt sich wieder einmal von der Hoheit des menschlichen Geistes, vom Adel der menschlichen Seele, von der Wahrheit des Schriftwortes, „im Ebenbilde Gottes hat Er den Menschen geschaffen" (1. B. M., 1, 27), denn die That Zola's drückt ihm für ewige Zeiten das Gepräge der Gottähnlichkeit auf die ruhmgrkrönte Stirn.
Man mußte wahrlich einen Augenblick an der Gottähnlichkeit des Menschen zweifeln, verzweifeln, wenn man die Hartnäckigkeit, die Unbeugsamkeit, den Starrsinn sah, mit dem ein Theil des französischen Volkes einen wahrscheinlich unschuldige» Offizier verdammt, verurtheilt, über ihn den Stab gebrochen und ihn in die Reihe der ruchlosesten Verbrecher gestellt. Man mußte an der Gottähnlichkeit des Menschen verzweifeln, wenn man die zügellose Leidenschaft, den wilden 'Fanatismus beobachtet, mit dem ein großer Theil des Volkes diesen so hartgeprüften Offizier in die Tiefen des Unglücks, in den Abgrund des Verderbens stürzte, deffen Familie, deffen Weib und Kind dem Elend, der Verzweiflung preisgab und von nochmaliger Unter-

