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suchung, von Rettung, Schonung, Rehabilitirung nichts hören, nichts wissen wollte!Ist kein Balsam mehr in Gilead, oder ist dort kein Arzt!" (Jeremia 8, 22.)

Giebt es keine Menschlichkeit, keine Barmherzigkeit, keine Gerech­tigkeit mehr in Frankreich, mußte man sich fragen! Ist es auch wahr, daß Gott den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen, wenn der Mensch solcher That, solcher Unthat, solchen Haffes, solcher Härte und Grausamkeit fähig ist! Emile Zola hat die Menschheit von der Sorge, die schwer auf ihr gelastet, befreit, er hat den Zweifel, diese düstere Wolke am Himmel der Menschheit, zerstreut, ihr den Glauben an die Menschlichkeit, an die Hoheit und Gottähnlichkeit des Menschen wiedcrgegeben. Und wenn die ganze Menschheit nur einen Zola besäße, wir zweifeln und verzweifeln nicht mehr, wir glauben fest und unerschütterlich an die Hoheit und Erhabenheit des mensch­lichen Geistes! Und so tief die Menschheit auch sinken, so sehr sie auf Irrwege und Abwege gerathen war, wir glauben an ihre endliche Erhebung, an ihre schließliche Befferung und Läuterung!Und wenn es auch nur einen einzigen Gerechten auf Erden giebt, sagt der Talmud (Joma 38b), er allein erhält uub trägt die sittliche Welt, denn es heißt:TiD 1der Ge rechte ist der Grund

der Welt". (Sprüche 10, 25.)Und der Hohepriester", erzählt die heilige Schrift,stand vor dem Engel des Ewigen, und der Satan zu seiner Rechten, um ihn anzuklagen. Und der Ewige sprach zum Ankläger: Es bedrohe dich der Ewige, Ankläger! Ja. es bedrohe dich der Ewige! Ist dieser nicht ein Scheit, aus dem Feuer gerettet?" (Zacharia 3, 2.) Und gilt dies alles nicht auch von den Vorgängen in Frankreich? Ist nicht auch Zolaein Scheit, gerettet aus dem Feuers Aus dem Feuer der Leidenschaft, der Bos­heit und Ungerechtigkeit?"

Ein großer Theil Frankreichs wird von diesem verheerenden Feuer ergriffen, verzehrt, und Emile Zola trotzt allen Feuersglutheü und geht unversehrt aus dem Flammenmeer hervor. Die Engel, lehrt die jüdische Tradition, haben Daniel im Feuerofen beschützt, in den er auf Befehl des Königs geworfen wurde. Auch unseren herr­lichen Zola haben die Engel der Nächstenliebe und Menschenfreund­lichkeit beschützt inmitten der Feuersgluthen des Hasses und der Ver­folgungssucht und ihn gerettet vor dem moralischen Feuertod der Gewiffenlosigkeit, der heute die besten und größten Männer Frank­reichs hinwegzuraffen scheint! Ja! Andiesem Scheit, aus dem Feuer gerettet", an diesem Mann bewährt sich das herrliche Schrift­wort:Nicht fürchten darfst du dich vor dem Schreckniß der Nacht, vor dem Pfeile, welcher fliegt des Tages, vor der Pest, die im Finstern wandelt, vor der Seuche, welche verwüstet am Mittage. Fallen auch an deiner Seite Tausend und Zehntausend zu deiner Rechten; dir nahet sie nicht, denn seine Engel entbietet er dir, dich zu behüten auf all deinen Wegen!" (Psalm 91, 511)... Es ist ja gewiß nur ein Zufall, daß der Name des Mannes, dem heute alle Welt be­geistert zujubelt, Zola, in der hebräischen Sprache, wenn wir nach den neueste» Forschungen die zweibuchstabige Wurzel als Grund­form des Verbums betrachten, daß Zola in der hebräischen Sprache retten bedeutet; in Wahrheit ist er aber nicht nur, wie wir hoffen wollen, der Retter des unglücklichen Dreyfus, seiner trost­losen, verzweifelten Familie, sondern auch der Retter seines Vaterlandes. Wir Juden haben besondere Ursache, Zola zu danken, seine That zu preisen. Nicht etwa aus Egoismus! Er hat uns Juden nicht ge­nützt ; im Gegentheil, wir haben durch Zola materiell gelitten. Seine edle That hat die Leidenschaft des Pöbels entfesselt, unsere Läderi wurden wieder beraubt, geplündert u. s.w. Also nicht aus Egoismus! Aber das Auftreten Zolas ist ein Kiddusch Haschem, bedeutet die Heiligung des göttlichen Namens, und solche Heiligung, von

wem sie auch ausgehen möge, ob von Christen oder Juden, wir be­trachten sie als unser Werk, als unseren Sieg und Triumph, als die Frucht der viertausendjährigen mühseligen Arbeit des Judenthums, wenn wir auch dem Christenthum sein Verdienst und seinen Antheil an diesem Werke durchaus nicht absprechen! In der Vereinigung des Judenthums mit dem Christenthum, in der Vereinigung aller Menschen zur Bethätigung der Wahrheit und Gerechtigkeit erblicken wir das Ideal der Mission Israels, und in dem Streben edler Männer nach Gerechtigkeit erblicken wir die Verkörperung, die Verwirklichung dieses Ideals!

Von Agrippa I. erzählt die Mischnah (Sotah 41a): Der König, der als Enkel des Herodes nicht ganz jüdischer, sondern zum Theil idumäischer Abstammung gewesen, las, nach Vorschrift, am Ausgange des Erlaßjahres (42 n. d. g. Z.) das fünfte Blich der heiligen Schrift im Tenipelhofe vor. Als er zur Stelle kamAus der Mitte deiner Brüder sollst du dir einen König wählen" (5. B. M. 17, 15), da traten ihin die Thränen in die Augen, in dem Glauben, daß er nicht würdig sei, jüdischer König zu sein. Die Weisen Israels riefen ihm aber zu:Lass' dir nicht bange sein, Agrippa! Du bist unser Bruder! Du bist unser Bruder, indem du dich mit uns zur Heiligung des göttlichen Namens vereinigst!" Und so rufen wir auch jedem edlen Vorkämpfer des Rechts in diesem Prozesse im Namen Israels, im Namen des Judenthums zufiflK UTIK". Wir nennen dich mit Stolz unseren Bruder, da du dich zur Verwirklichung unseres Ideals, d. i. Wahrheit, Gerechtigkeit und Friedfertigkeit, mit uns brüderlich vereinigst. Christen und Juden! Beide müssen wir, wenn wir dieser Ehrennamen noch würdig sein und bleiben wollen, beob­achten und heilig halten das alte Schriftwort:Nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden richtet in Euren Thoren!" (Zacharia 8, 16.)

Uon den Onellen der jüdischen Sittenlehre.

Bon Prof. Dr. M. Lazarus.

II.

u dem Worte des KohelethEs giebt kein Neues unter der Sonne" bemerken die Rabbinen aus der Schule des R. Janai (Sabbath 30 d)unter der Sonne nicht, aber über derselben". Zweifellos wollen sie damit sagen, daß zwar die ganze sinnliche Schöpfung, von ewigen Gesetzen beherrscht, sich gleich bleibt; das über die materielle Natur hinausgehende Reich der Sitt­lichkeit aber ist ein Neues; die natürliche Welt wird auf originale Weise ergänzt durch die sittliche Weltordnung. Die volle Bedeutung dieses Gedankens, welche darin besteht, jede rein naturalistische Be­gründung der Ethik auszuschließen werden wir weiterhin dar­legen ; hier genügt es, ihn in den symbolischen Worten wiederzu­finden; daß dies aber wirklich der Sinn des obenerwähnten rabbinischen Ausspruchs ist, ergiebt sich daraus, daß die Auffaffung der sittlichen Welt als eine schöpferische Ergänzung der natürlichen bei den Rabbinen in mancherlei Wendungen immer wieder hervortritt; u. a. auch in dem Ausspruch:wer eine sittliche That vollbringt, z. B. als Richter gerecht richtet, wird zum Gesellen (Genossen) Gottes in der Welt­schöpfung" (Mechilta Jelhro, Kap. 2, dazu die klassische Stelle in der Einleitung zum Rechtskodex von Jacob ben Ascher, Tur choschan Mischpat, Kap. 1 Abs. 1).)

8 16. Neben den sprachgeformten, also in bestimmten Worten überlieferten Lehren der Sittlichkeit giebt es aber noch andere Quellen, aus denen die Darstellung der Sittenlehre des Judenthums