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ceremonialen Handlungen zum symbolischen Ausdruck. Mit Recht hat Lotze betont: „die erste formale Bedingung aller Sittlichkeit ist die Persönlichkeit; dies, daß der Mensch Einheit sei. nicht eine Sammlung verschiedenartiger Reizbarkeiten und Triebe, die unter einander keine Gemeinschaft haben. Um dieser Einheit willen, kann die Seele, die dem sittlichen Ideale nachstrebt, nicht dulden, daß ihre Vorstellungen in dem haltlosen und unzusammenhängenden Wechsel sich drängen, den die sittliche Pflicht der Treue ihnen verbietet." (Geschichte der Aesthetik S. 97 f.)
Indem nun der RabbinismuS, alle Ueberlieferungen sammelnd, ordnend und besonders auch befestigend, das Leben des Einzelnen und der Gesamnitheit mit religionsgesetzlichen Handlungen umgiebt, indem so alle Zeiten des Tages und des Jahres, die Ereignisse der Natur und die Schicksale und Erlebnisse der Menschen gesetzlich umspannt, indeni Alles und Jedes in der Bethätigung und dem Genuß des Daseins durch einen Segensspruch, eine symbolische Handlung oder eines Brauches Uebung geweiht wird, gestaltet sich alles Thun und Wollen und Wirken zu einer gleichartigen und zusammengefaßten Einheit; die stetige Beziehung aller Lebensregungen auf Gott und göttliches Gebot ist das deutlichste Symbol der in sich einigen und seldsttreuen sittlichen Persönlichkeit, und als solches wird es auch von den Rabbinen betrachtet, gelehrt und — erlebt.
Ganz prägnant wird auch dieser Begriff der aller wahren Sittlichkeit als Bedingung dienenden Einheit der Person in den Worten ausgedriickt, welche, dem Psalmisten entlehnt (Ps. 86. 11) im täglichen Gebet um Erleuchtung und Veredelung die Bitte enthalten: im 1 ) „mache unser Gemiith zu einem in sich einigen,
einheitlichen."
§ 24. Unmittelbar verbunden mit dieser rein formalen Schätzung der ceremonialen Pflichterfüllung ist aber ein, psychologisch betrachtet, noch viel Höheres und Werthvolleres, nämlich dieses: daß die Menschen fort und fort aus den Banden des Natürlichen und Gewöhnlichen erlöst, von den ausschließlichen Antrieben des Nützlichen und Angenehmen befreit, über die alltäglichen, gemeinen oder feinen sinnlichen Befriedigungen hinausgehoben werden und bei allem Thun und Wollen zugleich mit Handlungen umgeben sind, welche einzig und allein einem idealen Interesse dienen.
8 25. Noch wichtiger aber in ethischer Beziehung als jener formale oder dieser abstrakte Beweggrund der ceremonialen Gesetzeserfüllung ist es, daß all den vorgeschriebenen Handlungen eine bestimmte Bedeutung zukommt. Nicht um die Pflichterfüllung allein und auch nicht um die Erfüllung um Gottes willen handelt es sich, sondern nm den Sinn und die Bedeutung, welche jeder Uebung zukommen. Alle religiösen Gebräuche haben symbolische Bedeutung; sie sind Symbole von religiösen, aber weitaus am meisten ethischen Ideen; und unermüdlich ebenso wie unübertrefflich sind die Rabbinen — von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag — darin, die ethischen Gedanken, welche in den symbolischen Formen ausgeprägt sind, zu erläutern und zu Gemülhe zu führen. Nur ein Beispiel statt vieler will ich anführen:
8 26. Historische Erinnerungen sollen durch die symbolischen Handlungen wachgerufen werden, um die aus jenen Erinnerungen quellende ethische Ermahnung und Belehrung herbcizuführen. Der Auszug aus Aegypten war der ursprünglichste und eigenartigste Vorgang in der Geschichte. >) auf welchem die Gründung des Volkes und dann des Staates beruhte. Und gerade jetzt, beim energischen Aufstieg des RabbinismuS, jetzt, nachdem der nächste Zweck jenes Er-
>) Gesenius 10. Aufl. hat zum Worte * 7 ,“p: „einigen, vereinigen, Zusammenhalten (die Gedanken und Begierden; Gegensatz: sich zerstreuen)".
eignisses vernichtet, Volk und Staat wieder zertrümmert sind,! jetzt werden fast alle Gebote, Feste, Lebensformen und Sittenlehren mit der Erinnerung an daffelbe in Verbindung gebracht. Alles, was schön, edel, erbaulich und erwecklich ist, gilt als "121,
— als Andenken an den Auszug aus Aegypten.
Zwar, schon in den Gesetzbüchern der heiligen Schrift waren ethische Lehren auf ägyptische Erinnerungen bezogen; hier ist es aber öfter der Aufenthalt in Aegypten selbst, der eigene Zustand daselbst als Fremde und Unterdrückte, mit deffen Erinnerung sittliche Gebote eingeschärft, namentlich das Gemüth gegen den Fremden gerecht und milde, gegen den Bedrückten sanft und edel gestimmt werden soll. „Ihr wißt ja, wie dem Fremden zu Muthe ist" (Exod. 23, 9).
Wenn dann bei den Propheten und den Psalmisten vorzugsweise die religiöse Idee göttlicher Führung und Gnade durch historische Erinnerung belebt wird, so treten bei den Rabbinen die beiden Grundpfeiler aller ethischen Sittigung und Erhebung des Menschen als Erfolge der historischen Erinnerung deutlich hervor: die Idee der Freiheit und die der ethischen Berufung des Menschen.
Wiederum war jetzt die politische und sogar die bürgerliche Freiheit verloren. — Römische Pharaonen haben weniger Frohn- dienst, aber desto mehr Geld und Blut gefordert und die Vernichtung der idealen Erbgüter, der Thora (der Beschäftigung damit und Erfüllung derselben), angestrebt. — aber der Gedanke der Freiheit in seiner idealen Höhe und Reinheit, der Begriff der inneren, der sittlichen und geistigen Freiheit, welche nur innerhalb des Gesetzes und nur durch das Gesetz besteht (s. Aboth 6, 2) wird an die Erinnerung der Erlösung aus ägyptischer Sklaverei geknüpft und diese Erinnerung selbst mit symbolischen Handlungen verbunden, welche jede That und jeden Genuß und jede Feier im Leben begleiten.
(Fortsetzung folgt.)
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Varnhagen von Ense und Leopold Zun;.
twa vor einem Jahre hat Professor Geiger in unserem Blatte über Varnhagen von Ense und seine Stellung zu den Juden, hauptsächlich aber über deffen Beziehungen zu Michael Sachs und Moritz Veit intereffante Mittheilungen gemacht. Aus derselben Quelle, aus welcher Profeffor Geiger die Briefe der beiden Männer an Varnhagen schöpfte, nämlich aus den großen Briefschätzen, die als Varnhagen-Sammlung in der hiesigen königlichen Bibliothek aufbewahrt sind, habe ich auch einiges über die Beziehungen zwischen Zunz und Varnhagen entnommen, das unsere Leser sicher in- teressiren dürfte.
Varnhagen war den Juden, wie bekannt, sehr günstig gesinnt, außerdem immer bestrebt, junge Männer in ihren geistigen Arbeiten zu fördern. Von jüdischen Gelehrten interessirte er sich hauptsächlich für Michael Sachs, Joseph Zedner und Leopold Zunz. Wann und durch wen Zunz mit Varnhagen bekannt geworden ist, weiß ich nicht. Ich vermuthe aber, daß es Beider gemeinsamer Freund Harry Heine, gewesen ist, der diese Bekanntschaft vermittelt hat.
In den mit peinlicher Genauigkeit geordneten Mappen Varnhagens findet sich in der mit Leopold Zunz überschriebenen zu allererst ein sehr merkwürdiges Billet, das folgenden Wortlaut hat:
Eintrittskarte
in den Tempel des verbesserten israelitischen Gottesdienstes zur Gastpredigt des Herrn Dr. Zunz am 16. Mai 1835 um 9 Uhr.
Aus dieser Eintrittskarte entnehmen wir, daß Zunz im Jahre 1835 noch gepredigt hat, was bis jetzt absolut unbekannt war. Es wäre

