52
Gar fromm verdrehte sie dabei die Augen, schlug ein Kreuz und sprach dann weiter:
„Komm, die Glocken haben schon längst ausgeläutet, die hochwürdige Priorin und die Schwestern warten und wehe Dir, daß Du ihnen ein Aergerniß gegeben."
Crescentia winkte, Iesepha schritt voran zur Zelle hinaus.
Schweigend hatte Iosepha Rosenkranz und Brevier ergriffen und folgte ihr; Barbara, für die Nonne bangend, benutzte einen Augenblick, sich an sie zu drängen, ihre Hand ergreifend flüsterte sie ihr zu
„Um der Heiligen willen, Iosepha, sprich, Du seist krank!"
Iosepha schien zu verstehen, was Barbara mit diesem Nathe sagen wollte, denn sie drückte derselben leise, aber innig die Hand, sprach aber nichts, sondern machte bloß eine leichte Handbewegung nach der voranschreitenden Crescentia, die bei ihrer bekannten Sinnesart wohl eine eben so gefährliche als schonungslose Anklägerin war.
So kamen sie in die Kirche, aus das Nonnenchor, von welchem ihnen schon der Gesang der Nonnen entgegen klang. Die Oberin wandte sich um, winkte Iosepha heran, und als diese widerwillig gehorchte, herrschte sie ihr zu:
„Kniee nieder!"
Schweigend ließ sich Iosepha aus die Kniee nieder und verharrte in dieser Stellung so lange, als der Gottesdienst dauerte, sie stimmte wohl mit in den Gesang ein, allein mit widerstrebender Stimme.
Als der Gottesdienst seine Endschast erreicht hatte, befahl die Priorin Iosepha, aufzustehen und begann sofort ein Verhör mit ihr, nachdem sie erst die Zeugenaussage der Schwester Crescentia vernommen und auch Barbara befragt. Crescentia hatte mit ihrem gewöhnlichen Eifer die Anklage gegen Iosepha erhoben, daß sie außer der Zeit geschlafen und weltliche Gedanken hege.
Barbara hingegen hatte mit weicher Stimme gesagt:
„Ich glaube, Schwester Iosepha ist krank, Schwachheit hat ihr den Schlaf zugezogen und sie da unbewußt fehlen lassen."
Aber mit strenger Stimme entgegnete da die Priorin:
„Es ist nicht Deines Amtes, zu vertheidigen und zu beschönigen, sondern Du hast allein die Wahrheit zu sagen, ohne Zusatz und Deutung, bis Du gefragt wirst um Deine Meinung. — Man kennt solche Schwachheit, es ist die Schwachheit des Geistes, welcher das

