„Gut denn, so leiste den Eid, den ich Dir vorsagen werde!"
Mit leiser Stimme sagte nun der Fremde dem Gefangenen eine furchtbare Eidesformel vor, nach welcher er stch verbindlich machte, Alles zu thun, was sein Befreier von ihm verlangen werde, ohne daß er nach Ursache und Zweck fragen wolle; ferner, daß er über die Art und Weise seiner Befreiung, wie über Namen und Person seines Befreiers gegen Jedermann schweigen werde.
Michael sprach mit fester Stimme die Eidesformel nach und verstärkte sie noch durch einige Kraftausdrücke.
Nachdem Michael den Eid geleistet, befahl ihm der Fremde, rasch aufzustehen und die Hände festzuhalten. Michael that dieses; der Fremde zog eine kleine Zange und einen Hammer heraus, ein Paar Schläge — und die Kette war gebrochen, die Fesseln waren gelöst.
Der Fremde ergriff die Laterne und winkte Michael, ihm zu folgen; er schritt voran und die Thüre öffnete sich geräuschlos. Michael folgte unsicheren Trittes; obgleich er sich frei fühlte, so war ihm doch das Herz beengt, denn er fürchtete, seine Flucht könnte doch noch verunglücken, ein unvorhergesehener Zufall könne noch Alles vereiteln.
Deshalb bebte Michael jetzt auch bang zusammen, als er in dem von einem trübe brennenden Lämpchen matt erhellten Gewölbe, das er jetzt betrat, vor einem Tischchen einen Mann sitzen sab. Doch dieser Mann regte sich nicht, er schlief den Schlaf des Gerechten, und die aus dem Tische stehende geleerte Branntweinflasche deutete auch hinlänglich die Ursache dieses tiefen Schlafes an.
Der Fremde schloß die Thüre des Kerkers wieder, schob den Riegel vor und warf einen forschenden Blick auf den Schlafenden, der sich aber nicht regte. Leise schritt er dann an demselben vorüber und mit pochendem Herzen folgte ihm Michael.
Ein kurzer Gang ward passirt, dann ein Sprung durch ein offenstehendes Fenster und Beioe, Retter wie Geretteter, befanden sich im Freien.
Wie gestern schien der Mond hell und klar von dem Himmel, die düsteren Maffen des gräflichen Schlosses lagen in der Nähe, die Hütten des Dorfes seitwärts. Ueberall herrschte Ruhe, auf dem Schlosse, wie im Dorfe schlief wohl schon Alles.

