brachte er nur seine wenigen Erholungsstunden im Hause seines Bruders zu und war mit Geschäften überhäuft, die ihm nicht Zeit gönnten, seine Kinder schärfer zu beobachten. Madame Feige nahm sich also vor, der Angeklagten selbst recht ernst in's Gewissen zu reden, und da sie Margareth eben durch's Vorzimmer kommen hörte, schickte sie Erdmnthe fort, um mit dem Mädchen ungestört zu sein.
Während Erdmuthe zur Großmama eilte, um ihre Neuigkeit dort mit einem leisen Gefühl der Schadenfreude zu erzählen, trat Margareth harmlos und unbefangen bei der Tante ein. Sie hatte einen offenen Brief in der Hand und ihr frisches, blühendes Gesicht strahlte vor Glück und Freude. „Die Mutter hat mir einen lange», prächtigen Brief geschrieben," rief sie mit jubelnder Stimme, „wo sie nur so viel Zeit hergenommen hat, die Gute; denn wenn Papa und ich nicht da sind, hat sie ja doppelt viel zu thu«. Du mußt nur wissen, Tante, daß ich auf dem Lande jeden Morgen um 5 Uhr aufstehe und der Mutter schon ein Stündchen in der Wirthschaft helfe, ehe die Lehr- stnnden angehen. Gottlob, daß die Lieben in Gabelsdorf alle wohl auf sind, Mutter, Großmutter und des Schäfers kleine Sänne, die ein Bischen mein Herzblatt ist, und die ich stundenlang auf den« Arm herumtrage oder wiege, wenn ihre Mutter alle Hände voll Arbeit hat. Und denke nur, Tante, meine schöne Henne aus Hinter-Jndien, die der Vater inir aus dem hühnerologischen Verein mitbrachte und die so reizende, gelbrosa schimmernde Eier legt, hat schon zum ersten Male ausgebrütet, 15 gesunde Küchlein, wie die Mutter im Postscriptum schreibt; ich wollte nur, ich könnte die kleine pipende Gesellschaft bald sehen!"
„Du liebst Deine Heimath und alles, was Du dort verlassen hast, wohl sehr?" fragte die Commerzienräthin, indem sie Margareth zu ihren Knien heranzog, um ihr ganz nahe in die hellen, treuherzigen Augen sehen zu können.
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