Hortende und Leonor.

Der Vollmond, welcher über ein kleines Tannengehölz herauf­stieg, spiegelte sich in dem Wasser des breiten Wallgrabens eines Schlosses, das ein zierlich gebautes Eckthürmchen und ein plattes, zink- gedccktes Dach hatte. Die stattliche Reihe Fenster an der Vorder­seite war fast durchweg erleuchtet und geöffnet, um der milden Luft eines schönen Herbstabends freien Einzug in die neuerbauten, pracht­voll eingerichteten Gemächer zu gestatten. Im untern Stock konnte man das geräuschvolle Treiben einer zahlreichen Dienerschaft merken, und die aufwirbelnden Rauchsäulen der Schornsteine deuteten darauf hin, daß die Abendmahlzeit der Schloßbewohner nicht in einem länd­lichen Male von Milch, Brod und Früchten bestehe.

Auf der rechten Seite des Wallgrabens lief ein kiesbestreuter Fußweg hin, der auch von den übrigen Dorfbewohnern benutzt wurde, wenn sie durch den Schloßhof s» den angrenzenden Wald gingen. Dort stand zu dieser Stunde ein kleines Mädchen. Sie hatte ein ziemlich schweres Bund Reisig, das mit einem Strick zusammengebun­den war, auf den Rand der niederen Mauer gelegt, stützte den Arm darauf und ruhete sich ein wenig aus, indeß ihr Blick auf dem statt­lichen Gebäude über dem Wasser hing.