Das einsame Grab.

Äuf einem von tiefschattendcn Kastanienbäumen durchschnittenen Gottes­acker, den prachtvolle Denkmäler von Gold und Marmor zierten, lag ein wenig abwärts unter Kindcrgräbern ein halb versunkener Rasenhügel. Niemand pflegte ihn, nie lag ein frischer Kranz darauf, um einen Ge­denktag der Liebe und des Schmerzes anzudeuten. Dies anspruchslose Grab wäre durch nichts dem Vorübergehenden aufgefallen, wenn nicht zur Zeit des Sommers eine Fülle der schönsten weißen Rosen dort geblüht hätte. Man sah niemals Jemand, der sie mit Wasser erquickt hätte, wenn der Regen des Himmels lange ausblieb; keine sorgsame Hand legte dem Strauche zur Winterszeit die wärmende Strohver­packung an, und doch hätte der geschickteste Kunstgärtner kaum schönere Rosen ziehen können, als die treue Mutter Natur über dies einsame, vergessene Grab hinstreute. Die Töchter des Pfarrers, ein Paar liebliche Mädchen, die gern einen abendlichen Spaziergang über den Kirchhof machten, der ihnen nichts Schauerliches hatte, blieben oft Arm in Arm vor den prachtvollen Rosen stehen und faßten eine Art Vor­liebe für die Stelle, auf der sie blühten.Wer dort nur ruhen mag?" sagte Helene, die jüngere der Schwestern, oft in Nachsinnen versinkend; ich meine, es müsse ein guter Mensch gewesen sein, aus dessen Asche solche Wunderrosen aufblühen."