80
denn ich war zum ersten und hoffentlich zum letzten Mal im Leben völlig betrunken. Das mitleidige Mädchen, welches mich nur für schlaftrunken hielt, trug mich in ein weites Gemach mit vielen Ahnenbildern an den rothen Wänden. Ein großes Himmelbett nahm mich auf; Alles verwirrte sich vor meinen Sinnen, die Suppe, das Zimmer, das Bett, Alles roth! und die Ahnenbilder stiegen aus den Rahmen und schritten gravitätisch auf mein Bette zu. Mehrmals während der Nacht schrie ich laut auf und ward von der erstaunten Mama unwillig zur Ruhe verwiesen. Niemals habe ich die rothe Weinsuppe vergessen; wir aßen alle Drei lachend, aber mit großer Mäßigung davon. Abends ward der Thee im sogenannten Coufirmandenzimmer aufgetragen, denn dort steht ein Flügel, auf dem der Pfarrer mit großer Meisterschaft Choräle spielt und mit schöner tiefer Stimme begleitet. Nach dem Thee sangen wir dreistimmig feierliche Abendlieder, und dann zog der Hausherr sich in sein Studirzimmer zurück. Ich spielte eine Weile und machte dann mit Otto einen Gang durch das Dorf, wo
noch Alles wach war. O, die armen Städter, die solche Gänge nicht kennen! Etwas über das Dorf hinaus, zwischen Gebüsch und Wiesen sang ich Göthe'S „Im Felde schleich ich still und mild u. s. w."
Otto fiel bei jeder Strophe ein und sagte endlich: „Tante Susanne, das Lied singst Du doch einzig, weil ein

