Henriettr empfand bei diesem Verluste den meisten Schmerz; denn Vater und Mutter waren ihr Alles auf Erden gewesen. Monate lang war ihr Herz mit Weh­muth erfüllt, und nur der Trost, den ihr Religion und Vernunft darboten, stellte ihre Verlorne Ruhe wieder ei­nigermaßen her.

Caroline trauerte nicht so lange. Sie suchte in Gesellschaften Zerstreuung, und fand sie; bald war das Andenken an Vater und Mutter geschwächt, und es ging ihr, wie es Allen zu gehen Pflegt, die von dem Strome des zu geselligen Lebens mit fortgerissen werden ihre feinern, ediern Gefühle wurden durch das Geräusch der Welt erstickt.

Eine Tante, die man in der Stadt als eine vernünf­tige, rechtschaffeuc Frau schätzte, nahm die beiden Schwe­stern in ihr Haus. Mit H e nrietren war sie vollkom­men zufrieden; Carolinens Denkungsart aber mißfiel ihr. Sie warnte das verirrte Mädchen mütterlich, auf den Weg des Guten umzukehren, sich auf ihre äußere Schönheit weniger einzubilden, den Schmeicheleien Ande­rer kein Gehör zu geben, ihren Verstand mehr auszubil­den, und weibliche Arbeiten sich angelegener sein zu lassen.

So gut diese Ermahnungen gemeint waren, so sehr mißfielen sie der eiteln Caroline. Sie hörte sie mit llnwillen und nur mit halbem Ohre an. Da die Tante sie einigemale wiederholte, so erklärte ihr die übermüthige Nichte, sie sei nicht zu ihr gekommen, um alle Tage