Und Hand in Hand standen die Geschwister und beteten, ein jedes still in seinem Herzen. Die kleine Waldine, die am Boden saß nnd sich müde gespielt hatte, legte ihr lockiges Köpfchen an das Knie des jungen Mädchens, und während ihr das Püppchen leise aus der Hand glitt, schloß sie die müden Aeuglein zu. Julius sah mit einem Blick voll Rührung auf sie herab und schwur es ihr in seinem Herzen zu, daß er die häßlichen Gedanken von vorhin wett machen wolle durch verdoppelte Liebe. Und darin hielt er treulich Wort. Waldine hätte keine» geduldigeren Spielkameraden, keinen treueren und liebevolleren Beschützer auf der weiten Welt finden können, als Julius ihr war. Keinen Tag kam er mit leeren Händen nach Hause, wenn es auch nur Waldbeeren, wilde Blumen, kleine Muscheln oder goldbraune Kastanien waren. Aus letzteren schnitzte er der Kleinen Körbchen, oder machte ihr von den ausgehöhlten Schalen eine Wage, in der Waldine Ziegelmehl als Streuzucker nnd feinen weißen Sand als Reis abwog, um ihn an sich selbst gegen kleine Steinchen, welche Geld bedeuteten, zu verkaufen. Später wurde er ihr langmüthiger Lehrmeister, brachte ihr in kürzester Zeit das Lesen und Zählen bei, und gab sich undenkliche Mühe, sie seine Handschrift nachahmen zu lassen, wobei er aber zu seinem Schmerz einsehen mußte, daß sich die Kleine auf nichts so schlecht verstand, als auf SchönheitSlinien und Ebenmass. Wenn das muntere Kind seinen Tritt auf dem Flur oder der Treppe hörte, warf sie jedes Spielzeug, mit dem sie eben beschäftigt war, sogar das Liebste weg, und lief ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; nicht besser ging es der Schiefertafel, auf der sie, während der Abwesenheit ihres jungen Lehrers, die Selbstlaute einübte, und wen» Julius Stift nnd Tafel auf der Erde und seine Vorschrift verwischt fand, so sagte er wohl mit gerunzelter Stirn: „Wir müssen sie noch Wildine taufen, den kleinen Sausewind, sie ist ja ganz außer Rand und Band!" Aber er küßte sie in der nächsten Minute doch recht herzlich und vergaß die

