Der alte ehrwürdige Seelsorger wenigstens, der die Kinder des Dorfes Schönwäldchen zur ersten Abendmahlsfeier vorbereitet, hatte sie diesen Spruch lernen lassen und viel mit ihnen darüber geredet. Aber die Jugend ist sich überall und zu allen Zeiten gleich; ihr Herz ist zwar leicht angefaßt, aber auch nur allzu leicht wieder zerstreut.
Unter den jungen Mädchen, die nun vertraulich schwatzend im Obstgarten saßen, war auch Schulmeisters Margareth. Sie führte ihren Namen mit Fug und Recht, denn Margareth heißt Perle, und eine Perle war sie an äußerlicher Wohlgestalt, wie an feiner Zucht. Sie verstand schon recht geschickt mit der Nadel umzugehen, trotzdem sie noch nicht volle 15 Jahr alt war; die selige Mutter, die für die d'andfrauen genäht, gewaschen und geplättet hatte, war darin ihres geschickten Töchterleins Lehrmeisterin gewesen. Seitdem hatte Margareth schon so manchen Groschen verdient und ihn dem Bater zu seinen 86 Thalern, die er jährlich an Schulgeld einnahm, redlich beigesteuert. Ihr Anzug war bei der Armuth des Vaters sehr dürftig, aber immer war ein Stück Weißzeug daran, das so blendend und sauber aussah, daß dadurch die vertragenen Kleider ordentljch stattlich wurden, und
81
sie sich Vortheilhaft vor ihren Gefährtinnen auszeichnete. Auch gewann ihr freundliches Wesen ihr aller Herzen.
In der Schule war sie immer die Fleißigste und Verständigste gewesen, die wohl die gerechtesten Ansprüche an den ersten Platz gehabt hätte, nie aber auf denselben gekommen war. „Das sei gegen die Klugheit," meinte der Schrillerer; „wenn seine eigene Tochter als das Kind des einzigen Mannes im Dorfe, der sich mit den Wissen- schaften beschäftigte, den Herrn Pfarrer natürlich ausgenommen, am meisten lerne, so sei das kein Wunder, da doch das Sprüchwort sage: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, und wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen! — Wenn er es aber mit den Kindern der
Saat und Ernte. . ß

