222
und die Wiese allein abmähen, 's wär' doch schon eine kleine Erspar- niß." Er machte ein finster Gesicht, denn die Geschichte mit dem Exekutor ärgerte ihn doch, wenn er's schon nicht eingestand, aber die angewöhnte Trägheit war doch noch stärker. Mit untergeschlagenen Armen saß er da und sah hinauf zu den Schwalbennestern über den Fenstern, ohne mir ein Wort zu erwiedern. Da gab mir Gott einen gesegneten Gedanken ein. Ich setzte mich zu ihm auf die Bank und sagte: „Wie vergnügt die kleinen Thiere sind!" „Die können's wohl auch sein," antwortete er mürrisch, „sind ja unseres Herrgotts aparte Kostgänger und brauchen nicht zu säen und zu ernten, noch in die Scheuern zu sammeln!" Ich schwieg ein Weilchen ganz still, dann sagte ich: „Was die Schwalben nur so viel zu fliegen haben? Laß uns einmal zählen, wie oft sie noch hinüber zum Teiche ziehen und es sind wohl dreißig Schritte weit, und immer bringen sie etwas im Schnabel mit." Dem Gottfried kam der Vorschlag gelegen, denn er dachte, ich hätte darüber die Wiese vergessen, die gemäht werden sollte. „Zehn, elf, zwölf," zählte er und kam bis auf sechzig — nun machten die Schwalben eine Pause — „jetzt mögen die Jungen wohl satt sein," sagte er wie in Gedanken. Nun plauderten wir allerlei und der Gottfried war seelenvergnügt, daß vom Arbeiten gar keine Rede war. So verging fast der ganze Morgen, denn ich hatte unser Kind herausgeholt und auf die Bank zwischen uns gesetzt, mit dem tändelten wir. Gegen Mittag singen die Schwalben wieder an, auSzufliegen und viel öfter als am Morgen. Ich zählte wieder und sagte: „Jetzt holen sie den Kindern im Nest den Mittagsbratcn!" Gottfried lachte, aber nach einer Weile sagte er: „Mich verlangt auch nach der Suppe; deckst Du nicht bald den Tisch?" „Hab' ich doch über den Schwalben da das Kochen vergessen," antwortete ich wie erschrocken, „aber die Thierlein da oben schaffen und arbeiten ja auch nicht, und unser himmlischer Vater giebt ihnen ihre Speise zur rechten Zeit; ich denke, der wird

